Themeninterview: Was bewegt uns in Zukunft?

Heiko von der Gracht ist Zukunftsforscher und beschäftigt sich unter anderem mit den Bereichen Energie und Mobilität. In seinem Buch „Wie wir uns morgen bewegen werden. 88 Innovationen für die Mobilität“ beschreibt und bewertet er mögliche Szenarien vom Vakuum-Tunnel über Transformer-Autos bis hin zum SkyTran. Im Interview mit dem Energieverbraucherportal gab er einen kleinen Ausblick in unseren zukünftigen Arbeitsweg.

von Katharina Korczok
News

Datum: 09.03.2017 16:22

Herr von der Gracht, Dieselmotoren belasten die Innenstädte, der Nahverkehr ist überfüllt und oft schlecht ausgebaut und gleichzeitig pendeln immer mehr Personen, weil Wohnraum knapp und teuer wird. Das Mobilitätskonzept von heute scheint nicht länger zu funktionieren, es braucht grüne und flexible Alternativen. Was bewegt uns in Zukunft?


Heiko von der Gracht: Natürlich das autonome Auto, das E-Auto, Hybrid-Autos, Autos mit Brennstoffzellen - und alles zunehmend im Sharing-Modus. Daneben ist eine Renaissance von Straßenbahn und Schiene zu erwarten. Viele derzeit laufende Straßenbahn-Projekte zum Beispiel werden bis 2030 fertiggestellt. Das erhöht die Attraktivität dieses Verkehrsmittels. Auf der anderen Seite werden wir auch künftig immer mal wieder im Stau stehen – wegen des sogenannten Rebound-Effekts: Für jede zusätzlich gebaute Spur auf der Autobahn finden sich auch zusätzliche Autofahrer. Weil viele sich sagen: „Hey, da wurde ausgebaut – jetzt können wir ja wieder das Auto nehmen.“

Sie haben ein ganzes Buch über das Thema „Mobilität von morgen“ geschrieben. Worin liegt für Sie die Bedeutung des Themas für die Zukunft?


Heiko von der Gracht: In den ungeheuren Chancen und Möglichkeiten, die sich uns eröffnen. Nehmen wir beispielsweise die Zeit, die Millionen Pendler morgens und abends im Stau verbringen. Stauzeit wird oft als verlorene Zeit empfunden. Damit könnte das autonome Fahren Schluss machen: Wir könnten im Stau dann online shoppen, uns mit Mobile Learning weiterbilden oder mit Virtual Reality mitten im Stau in die Karibik flüchten. Schon jetzt können Südkoreaner in ausgewählten Projektstädten in sogenannten Subway Stores einkaufen, während sie auf die U-Bahn warten. Sie knipsen einfach mit dem Smartphone die Produkte an den Wänden der S-Bahn-Station in den Warenkorb und finden nach Feierabend ihre gefüllte Einkaufstasche vor der Haustür. Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie wir uns morgen völlig anders bewegen werden – eines der interessantesten Themen der Zukunftsforschung.

Was sind die generellen Trends in der Forschung?


Heiko von der Gracht: Heiße Themen in der Mobilitätsforschung sind derzeit zum Beispiel wandelbare Logistiksysteme. Also beispielsweise mobile Distributionszentren, die man quasi über Nacht an den Hot Spots der Nachfrage auf- und dann auch wieder abbauen kann. Oder Morphing Materials, die in LKWs so verbaut sind, dass sich diese strom-linienförmig an unterschiedliche Fahrgeschwindigkeiten und die Luftströmung anpassen, damit Sprit sparen und die Umwelt schonen. Intensiv erforscht werden auch Assistenzsysteme für Autos und LKWs, das Internet der Dinge oder die Vernetzung von autonomen und teilautonomen Transportsystemen. Bald schon könnte nicht mehr der freundliche Paketbote an Ihrer Tür klopfen, sondern die Lieferdrohne oder der Paketroboter. In einigen deutschen Städten laufen bereits Pilotprojekte. Die Roboter sind unterwegs.

Oslo will bis auf weiteres autofrei werden und Abu Dhabi arbeitet gleich an einer ganzen emissionsfreien Stadt. Wo steht Deutschland in Sachen Zukunftsmobilität?


Heiko von der Gracht: Wozu denn in die Ferne schweifen? Deutschland marschiert bei der Erforschung neuer Möglichkeiten der Mobilität ganz vorne mit, zum Beispiel mit dem Effizienz-Cluster LogistikRuhr. In diesem Cluster arbeiten rund 180 Unternehmen und 20 wissenschaftliche Einrichtungen an der Zukunft der Mobilität. Darunter sind Themen der Industrie 4.0, von urbaner Logistik, Schwarmintelligenz oder auch Logistik aus der Cloud.

Der Trend geht zu umweltschonender Fortbewegung durch neue Technik. Werden wir uns in Zukunft emissionsfrei bewegen?


Heiko von der Gracht: Wenn wir in Zukunft in lebenswerten Innenstädten leben wollen, ist die emissionsfreie Mobilität alternativlos. Die Experten im Umweltbundesamt gehen davon aus, dass wir bis 2050 emissionsfrei sein könnten. Das heißt: Nur E-Autos oder Autos mit Brennstoffzelle. Wir sollten dabei aber auch bedenken: Woher kommt dann der Strom? Wenn er weiter zu großen Teilen aus Kohlekraftwerken kommt, ist die Gesamtbilanz der Mobilität wieder nicht emissionsfrei. Doch die Perspektive lautet ganz klar: In Zukunft, wann immer das sein wird, wollen und müssen wir emissionsfrei fahren.

Heute stehen wir auf dem Heimweg im Stau und ärgern uns morgens über ver-spätete Bahnen. Wie wird der Weg zur Arbeit in zehn Jahren aussehen und was wird sich in 20 Jahren verändert haben?


Heiko von der Gracht: Der schnellste Weg ins Büro und zur Emissionsvermeidung heißt immer noch: Überhaupt nicht fahren. Glücklicherweise wird diese Lösung in wachsendem Aus-maß durch die Arbeit von morgen begünstigt. Teammitglieder von virtuellen Projekten, Clickworker, Arbeit im Home Office oder Avatare ermöglichen, dass ich nicht zur Arbeit fahren muss, sondern vom Wohnzimmer oder zumindest vom aktuellen Standort aus mich in meine Arbeit einloggen kann. So umfangreich, wie wir heute online shoppen, werden viele Menschen bald online arbeiten. Damit hat der Arbeitgeber der Zukunft eine andere Rolle als heute. Mit Clickwork und Virtual Reality kann man seine acht bis zehn Stunden Arbeitszeit auch von zu Hause aus leisten und muss nur noch selten ins Unternehmen, das dann auch kein Unternehmen mehr sein wird, sondern eher eine Art Campus. Man geht dorthin, um zu netzwerken, sich wieder mal physisch mit den Kolleginnen und Kollegen zu treffen, für Abteilungs- und Betriebsfeiern oder zur Präsenzweiterbildung. Genau genommen geht man dann vielfach nur noch ins Unternehmen, um nicht zu arbeiten.

Als Zukunftsforscher arbeiten Sie mit Methoden wie Delphi-Analyse und Strategic Foresight. Wie funktioniert so eine Vorhersage und welche Faktoren spielen für Sie eine Rolle?


Heiko von der Gracht: Da sprechen Sie ein klassisches Missverständnis an: Auch der beste Zukunftsforscher der Welt kann die Zukunft nicht vorhersagen – das behauptet auch kein seriöser Forscher. Womit wir die Zukunft erlebbar machen, ist etwas deutlich anderes: Wir entwickeln zum Beispiel alternative Szenarien. Wir malen ein so detailliert wie mögliches Bild der Zukunft mit allen denkbaren, möglichen oder wahrscheinlichen technischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen. Das ist viel besser als eine Vorhersage. Vorhersagen können irren. Wenn ich dagegen fünf Szenarien entwickle, habe ich so viele potenzielle Entwicklungen und Konsequenzen auf dem Radar, dass meine Entscheidungen sehr viel robuster werden. Das ist Zukunftsforschung.

Von welcher Erfindung träumen Sie, auch wenn Sie sie als Wissenschaftler für eher unwahrscheinlich halten?


Heiko von der Gracht: Ich ganz persönlich würde es spannend finden, wenn man Erinnerungen wieder erlebbar machen könnte – mit sämtlichen Sinneseindrücken. Praktisch ein Backup des Gehirns zum Wiederabspielen: Drück auf „Play“ und du erlebst den genialen Urlaub von 2009 auf den Malediven nochmal – genauso eindrücklich wie damals. Und nicht nur eigene Erinnerungen, sondern auch jene von außerordentlichen Menschen wie Sky Diver, Olympiasieger, etc.. Das würde ich persönlich sehr spannend finden. Als Forscher träume ich dagegen von einer Post Scarcity-Welt: eine Welt ohne Knappheit. Im Energiebereich ermöglicht durch die Kernfusion, bei der Nahrung durch In-Vitro-Fleisch oder Essen aus dem 3D-Drucker und in der Pflege zum Beispiel durch den ergänzenden Einsatz von Pflegerobotern. Die Entwicklungen auf vielen dieser Gebiete machen Hoffnung, dass es tatsächlich einmal eine Welt ohne Hunger, Knappheit, Armut und materielle Not geben könnte.

Buchtipp: Markmann, Förster, von der Gracht: Wie wir uns morgen bewegen werden: 88 Innovationen für die Mobilität; Redline Verlag, München 2015, 224 Seiten, 20 Euro

Vita:
Dr. habil. Heiko von der Gracht ist einer der führenden Experten für Zukunftsforschung in Deutschland. Das Handelsblatt zählt ihn in seinem Betriebswirte-Ranking 2014 zu den Top 100 der forschungsstärksten Wissenschaftlern im deutschsprachigen Raum. Seit 2013 verantwortet er bei KPMG in Deutschland Zukunftsstudien, zuletzt zu den Themen Einkauf, Energie, Weiterbildung und der Arbeitswelt von morgen. Heiko von der Gracht ist Experte für die Delphi- und Szenario-Methode der strategischen Vorausschau. Darüber hinaus ist er Autor mehrerer Management-Bücher, u.a. „Herausforderung Energie: Der Energieführerschein für die Entscheider von Morgen“ (Redline).

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