Geo-Engineering, Klimaklempner auf der Jagd nach Co2
Die Überlegungen der Forscher hinsichtlich technischer Eingriffe in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe, um etwa die drohende Klimaerwärmung oder die Versauerung der Meere zu bremsen, zählten als Geburtsstunde des so genannten Geo-Engineering. Von manchen als Hoffnungsschimmer in der Klimawandeldebatte ernst genommen, von vielen jedoch als zu skurril belächelt, verschaffen sich die Klimaklempner allmählich immer mehr Gehör im Weißen Haus.
Zugegeben, skurrile Ideen haben die Geo-Engineers schon öfter verwirklicht.Kürzlich wurde vom Forschungsschiff "Polarstern" tonnenweise Dünger ins Meer gekippt; im All sollen Sonnenschirme segeln und im Ozean zig Millionen Reflektoren dümpeln. Die Vorschläge, so unwahrscheinlich und aufwendig sie auf den ersten Blick scheinen, haben tatsächlich etwas Bestechendes: Keine mühsamen, jahrelangen politischen Verhandlungen mehr, keine fruchtlosen Appelle an die menschliche Vernunft, keine neuen Gesetze und Regulierungen, kein Verzicht auf Wirtschaftswachstum und nur wenig Zusatzkosten – und die Gefahr des Klimawandels wäre trotzdem gebannt. Es waren bisher nur wenige, meist amerikanische oder britische Visionäre und Außenseiter, die das Thema propagierten. Im Jahr 2009 aber wurde es plötzlich auch in Deutschland öffentlich diskutiert.
Die endgültige Lösung für das Klima?
Sieben Gigatonnen CO2 produziert die Menschheit pro Jahr durch Verbrennung von Kohle und Öl. Die globale Erwärmung aufgrund von CO2-Emissionen kann nicht gestoppt werden, solange mächtige Passagierflugzeuge in der Luft kreisen, Autos mit ihren Abgasen die Luft verunreinigen oder weitere AKWs gebaut und in Betrieb genommen werden. Da der Mensch auf den Luxus des Reisens oder der billigen Energie nicht verzichten mag, suchen kluge Köpfe nach einem Kompromiss zwischen Natur und Mensch. So auch die Verfechter des Geo-Engineering. Unter diesem Begriff werden gigantische technische Konzepte zusammengefasst mit dem Ziel, die Erde abzukühlen und die Treibhausgas-konzentrationen zu stabilisieren. Die planetare Großtechnik will dabei im Wesentlichen zweierlei versuchen: Entweder CO2 aus der Erdatmosphäre entfernen oder die Erde abschirmen und einen Teil des Sonnenlichts in den Weltraum zurückwerfen, bevor es die Erdoberfläche erreicht und erwärmt.
Die Vorschläge reichen von einfachen Maßnahmen – etwa Hausdächer weiß zu streichen, um Sonnenlicht zu reflektieren – bis zu sehr teuren und aufwändigen, zum Beispiel in Umlaufbahnen riesige Sonnensegel zu positionieren, welche die Erde abschatten. Viele Geoengineering-Ideen scheinen auf den ersten Blick Science-Fiction Romanen zu entstammen. So sollen künstliche Bäume für die CO2-Speicherung sorgen. Mit bürstenartigen Geräten wird dabei Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen. Es lagert sich an ein spezielles Harz an, bis es später wieder herausgewaschen, in geologische Schichten gepumpt und dort gespeichert wird. Ferner sollen in Biomasse-Reaktoren Holz, Blätter, Klärschlamm und andere grüne Abfälle zu Kohle verwandelt werden. Diese Biokohle wird nicht verbrannt, sondern auf den Böden verstreut. So verspricht man sich den Kohlenstoff, den die Pflanzen zuvor aus der Atmosphäre geholt haben, langfristig zu binden. Eine weitere, in der Praxis jedoch gescheiterte Idee betrifft die Eisendüngung der Ozeane. Hierbei kippten Schiffe an geeigneten Stellen Eisenspäne in den Atlantik. Der Plan: Mit dem Spurenelement Eisen werden die Algen in die Lage versetzt, zu wachsen und mehr CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen. Wenn die Algen sterben, sinken sie in die Tiefe und nehmen das CO2 mit. Dieses Vorhaben ist nicht aufgegangen, weil den Forschern die winzigen Ruderfußkrebse zuvorgekommen waren und die Algen fraßen. Das CO2 blieb somit an der Wasseroberfläche.
Geo-Engineering als Kurswechsel für die Obama-Regierung
Die neue US-Regierung wolle Klimakuren wissenschaftlich untersuchen lassen, erklärte nun Anfang des Jahres John Holdren, der wissenschaftliche Berater von Präsident Obama. In den vergangenen Wochen hatte er mehrmals gesagt, er unterstütze die Forschung am Geo-Engineering. Im Vergleich zu den Forschungsgeldern für Klimaschutz, die in Obamas Konjunkturpaket vorgesehen sind, war die Förderung des Geo-Engineering bislang gering. Für die Forschung an Ozeandüngung mittels Eisenpartikeln etwa ließ das US-Energieministerium zwischen 1998 und 2005 nur 25 Millionen Dollar springen. Auch die Untersuchung einer möglichen CO2-Absorption durch Gestein wurde von der amerikanischen Regierung in die Wege geleitet. Wirklich koordiniert war die Forschung daran aber nicht. Noch 2006 schrieb John Holdren: „Die Ansätze zum Geo-Engineering sind bislang von einer unglücklichen Kombination aus hohen Kosten, geringer Wirkung und einer hohen Wahrscheinlichkeit ernster Nebenwirkungen geprägt.“ Diese Einschätzung hat er zuletzt noch einmal bestätigt. Und doch ist Holdren offensichtlich der Meinung, der Geo-Engineering-Forschung eine neue Chance zu geben. „Der Klimawandel schreitet rascher voran, als irgendjemand vorhersagen konnte“, sagte er. „Bevor wir völlig verzweifeln, sollten wir uns auf das Geo-Engineering einlassen, um Kühleffekte zu erzielen. Vielleicht könnten wir dann Treibhausgase mit technischen Mitteln direkt aus der Atmosphäre holen.“
Skeptische Stimmen
Kritikern des Konzeptes gelten die Pläne der Geo-Engineers als Ausgeburten des großtechnischen Machbarkeitswahns. Die Vorstellung, Menschen seien intelligent genug, die Erde zu verwalten, zählt zum Vermessensten, was je gedacht wurde, sagen viele Gegner von Geo-Engineering. Bemängelt wird vor allem die Tatsache, dass niemand die Konsequenzen der Großtechnik vorhersagen kann. So fehlen bislang experimentelle Daten und Computermodelle, um die weltweiten Auswirkungen auf Wetter und Ökosysteme abzuschätzen. Die Wissenschaft versteht nämlich erst sehr grob, wie natürliche Systeme CO2 aufnehmen oder abgeben.
In erster Linie geht es bei Geo-Engineering um das hehre Bestreben, die Welt zu retten. Aber oft stecken auch andere Motive dahinter: Wissenschaftler erhoffen sich bessere Finanzierung ihrer Arbeit. Doch sind die Methoden es wirklich wert, die ohnehin knappen Forschungsgelder ausgerechnet den Klimaklempnern zukommen zu lassen? Immerhin scheiterte das Experiment des deutschen Forschungsschiffes Polarstern. Hinzu kommt, dass aus Sicht einiger Umweltverbände dieses Projekt gegen die kurz zuvor vereinbarte internationale Biodiversitätskonvention verstieß. Es folgten massive Proteste. Umweltminister Gabriel versuchte seine Kollegin, Forschungsministerin Schavan, dazu zu bewegen, das Experiment zu stoppen. Diese aber holte zwei Gutachten ein, die nachwiesen, dass es sich bei diesem Experiment um unbedenkliche Grundlagenforschung handelte, und ließ die Forscher gewähren. John Latham vom National Center for Atmospheric Research in Boulder im US-Bundesstaat Colorado plädiert deshalb dafür, erstmal die Erforschung der möglichen Folgen auszuweiten.

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