Greenwashing beim Ökostrom: Das grüne Gewissen

Nachhaltigkeit liegt in der heutigen Konsumwelt im Trend. Doch der Bio-Supermarkt ist kein Allheilmittel und eine grüne Verpackung steht nicht automatisch für umweltschonende Produkte. Wir erliegen einer grünen Illusion und hinterfragen zu selten die Ökolügen, die uns umgeben. Dies gilt auch beim Thema Energie.

von Redaktion
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Datum: 19.06.2017 09:55

Seit Jahrzehnten kämpfen einige Propheten für den grünen Frieden, für Umweltbewusstsein und die Erkenntnis von den endlichen Ressourcen der Welt. Eine Ewigkeit blieben ihre Rufe ungehört. Doch plötzlich hat es Klick gemacht. Scheinbar hat uns alle über Nacht die Erkenntnis ereilt, dass es nicht weitergehen kann wie bisher um der Menschheit und dem Planeten eine Zukunft zu ermöglichen. Eine Welle der Nachhaltigkeit rollt durchs Land: Jeder muss mitmachen, damit sich etwas verändert. Und erstaunlicherweise will auch jeder Teil der großen Veränderung sein. Die Wege zum grünen Lifestyle sind dabei durchaus vielfältig: Car-Sharing, Fair-Trade-Siegel, Bio-Gemüse, die richtige Ernährung, und eben auch der richtige Strom aus der Steckdose. Dabei ist Vorsicht vor Greenwashing angesagt.

Deutsche Energiewende: Paradebeispiel kurzsichtiger Nachhaltigkeit


Auch die Politik hat besonders beim Thema Energie plötzlich ein grünes Gewissen; Schuldenbremse, Atomausstieg und Energiewende gehören zu den wichtigen Projekten der aktuellen Regierung. Deutschland wird beim Thema Strom und Gas geradezu zum Moralapostel, getreu dem Motto: Wir zeigen der Welt, wie eine Energiewende funktionieren kann.
Doch während der Anteil der erneuerbaren Energien munter mit Hilfe staatlicher Bezuschussung wächst, pusten Kohle- und Gaskraftwerke immer mehr Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre. Unsere Treibhausgasemissionen steigen nach einem jahrelangen Abwärtstrend seit einigen Jahren wieder an. Die deutsche Überheblichkeit beim Thema Nachhaltigkeit in Sachen Energieversorgung löst angesichts dieser Entwicklung im Ausland Kopfschütteln aus.

Während auf der großen Bühne noch viele Fragezeichen aufgeworfen werden, bemüht sich die Bundesregierung im Kleinen, interessierten Verbrauchern umfassende Tipps und Leitfäden für eine nachhaltige Lebensführung zu geben. Hier wird deutlich, wie einfach es manchmal wäre, den Alltag nachhaltiger zu gestalten. Angefangen bei der Reduktion des Fleischkonsums, der im Durchschnitt für 40 Prozent unserer CO2-Ernährungsbilanz verantwortlich ist, über den Kauf saisonaler und regionaler Lebensmittel bis hin zur Nutzung energiesparender Haushaltsgeräte und dem richtigen Heizverhalten; nachhaltig bedeutet nicht immer gleich teuer. Dies gilt insbesondere für das derzeitige Angebot des deutschen Strommarktes.

Ökostrom: Interesse an nachhaltiger Energie boomt


Auch beim Thema Ökostrom lässt sich nämlich mittlerweile Geld sparen, entgegen ihrem Ruf sind Ökostromtarife häufig sogar mit geringeren Kosten verbunden als der Grundversorgungstarif der örtlichen Stadtwerke. Und das Bedürfnis nach nachhaltiger Energie beim Verbraucher scheint größer denn je: Jeder fünfte Tarifwechsel Tarifwechsel wird mittlerweile wegen des Wunsches nach Strom aus erneuerbaren Energien durchgeführt.

Ambivalente Verbraucher: Beruhigung des Gewissens oder wirkliches Interesse an Nachhaltigkeit


Die Wirtschaft hat den Megatrend natürlich längst erkannt. Genauso schnell hat sie aber auch registriert, dass die Faulheit der Verbraucher häufig über den Informierungswillen siegt. Viele Unternehmen sind mittlerweile auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen, aber allzu häufig wird der Trend als Marketing-Instrument genutzt. Es poliert das Markenimage auf aber bleibt immer wieder ein leeres Versprechen.

Gerade beim Thema Ökostrom gilt es für diejenigen besonders hinzuschauen, die über den bloßen Trend hinaus wirklich nachhaltig investieren wollen. Denn auch hier gilt der Leitsatz: Nicht überall wo öko draufsteht, ist auch öko drin. Wer beispielsweise einen Tarif wählt, der lediglich durch RECS-Zertifikate als Ökostrom gekennzeichnet ist, kauft im Zweifel norwegischen Strom aus Wasserkraft, aber leistet keinen Beitrag für das Vorankommen der hiesigen Energiewende. Der Strom aus der eigenen Steckdose hat seinen Ursprung noch für lange Zeit weiterhin aus einem der vielen hiesigen Atom- oder Kohlekraftwerke.

Trotzdem akzeptieren viele Ökostrom-Gütesiegel die RECS-Zertifkate als gültiges Kriterium für sauber produzierten Strom. Lediglich bei Tarifen, die mit TÜV-Plakette, dem ok-power oder dem „Grüner Strom Label versehen sind, kann der Verbraucher sicher sein, dass der Gewinn tatsächlich hierzulande in den Bau neuer Anlagen zur Stromproduktion aus erneuerbaren Energien fließt und somit ein Mehrwert für die Umwelt besteht.

Greenwashing und Pseudo-Nachhaltigkeit


Vorerst bleibt das Fazit: Der ehrbare Ansatz unterliegt dann doch häufig der Bequemlichkeit. Viele Verbraucher sind nicht dazu bereit, sich mit dieser, zugegeben teilweise irreführenden Welt der Nachhaltigkeit in aller Ausführlichkeit zu befassen. Alltägliche Beispiele dienen als Belege. So brüsten sich einige gut situierte Geschäftsmänner mit der Anschaffung eines umweltfreundlichen Hybridautos, und vergessen, dass dieses sich in der Garage zu einem SUV und Sportwagen gesellt, die eine wesentlich schlechtere Ökobilanz aufweisen. Andere kaufen sich einen neuen Kühlschrank der Energieeffizienzklasse A+++; und schließen den alten Stromfresser trotzdem dauerhaft im Keller als Getränkekühlung an. Zuletzt kauft die umwelt- und ernährungsbewusste Studentin 3 lose Bio-Äpfel im Supermarkt, aber verpackt diese für den Transport trotz zusätzlichem Rucksack in einen Plastiksack.

Der Glaube an die Öko-Lüge


Der gute Wille ist erkennbar, doch viele der guten Ansätze werden nicht weitergedacht. Kaum einer beschäftigt sich tatsächlich ganzheitlich mit den Produkten, die er kauft. Konsumenten in Schwellenländern wie China, Nigeria und Brasilien sind eher dazu bereit, nachhaltige Produkte zu kaufen, für die Bewohner der strapazierten Regionen der Welt ist der Nutzen von Nachhaltigkeit klar erkennbar. Für Deutschland scheint dies alles zu weit weg, obwohl die Auswirkungen deutlich messbar sind: Jeder Deutsche verursacht innerhalb eines Jahres statistisch elf Tonnen Kohlendioxid. Um das Zwei-Grad-Ziel der Klimaerwärmung zu erreichen, müsste der CO2-Fußabdruck auf zwei Tonnen pro Person und Jahr sinken.

Quelle:
Die Welt
Die Welt
Statista.com
Infas
Zeitwissen 5/2014. Leichter Leben mit Faustregeln. Das Rezept.