Smart-Meter: Intelligente Stromzähler kommen bald in deutsche Haushalte

Smart-Meter, Digitale Zähler und Intelligente Netze – in den nächsten Jahren plant die Regierung die Stromversorgung zu digitalisieren. Mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende legte die Regierung 2016 den Grundstein, die Einführung der ersten intelligenten Strommessgeräte soll dieses Jahr den ersten Schritt in Richtung Vernetzung machen. Zeit für das Energieverbraucherportal, sich genauer mit der Thematik zu beschäftigen.

von Katharina Korczok
News

Datum: 19.04.2017 15:40

Was ändert sich für Verbraucher?


Die Vorgabe zu den neuen Smart-Metern gehört zu einer EU-Richtlinie, die den Umstieg auf digital vernetzte Messtechniken bis 2020 vorsieht. Dabei bilden digitale Zähler zusammen mit einem sogenannten Gateway, der mit dem Internet verbunden ist und die Verbrauchsdaten an den Netzbetreiber weitergibt, eine Smart-Meter-Einheit. Bis 2020 sollen mindestens 80 Prozent der Haushalte mit intelligenten Messgeräten versehen werden. 2032 müssen digitale Zähler alle mechanischen Messgeräte (Ferraris-Zähler) ersetzen. Dieses Jahr beginnt die Umrüstung verpflichtend für Haushalte mit mehr als 10.000 Kilowattstunden. Damit betrifft die Regelung größtenteils Unternehmen, ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht jährlich etwa nur rund die Hälfte an Strom. Verpflichtend werden die digitalen Zähler ebenfalls für stromgenerierende Anlagen, etwa Solarmodule, ab einer Nennleistung von sieben Kilowatt, handelsübliche Solaranlagen liegen meist bei einer Leistung von maximal vier Kilowatt. Ab 2018 können auch Besitzer kleinerer Anlagen die neuen Smart-Meter einbauen. 2020 wird der Einbau verpflichtend für Haushalte mit einem Verbrauch von mindestens 6.000 Kilowatt/Jahr, kleineren Verbrauchshaushalten steht der Einbau ab dann zur Option. Um den Austausch kümmern, müssen sich Verbraucher selber nicht – genau wie bei der Stromablesung informieren die Betreiber der Stromzähler über anstehende Einbauten.

Erneuerbare Energien brauchen Vernetzung


Die gewonnenen Daten aus den Aufzeichnungen des Stromverbrauchs sollen helfen, die Energiewende voranzubringen. Bei einer immer dezentraleren Stromversorgung muss Energie flexibel und bedarfsgerecht verteilt werden können. Da Stromspeicher bislang nur geringe Kapazitäten und kurze Spitzen ausgleichen können, muss überschüssige Energie unmittelbar umverteilt werden. Das gilt vor allem für erneuerbare Energien, die teilweise stark wetterabhängig sind. Bei günstigem Wetter ließen sich Kraftwerke runterfahren und Überbelastungen des Stromnetzes vermeiden. Gleichzeitig könnten Versorger verschiedene Energiequellen optimal nutzen. Bei einer Windflaute ließen sich Windparks etwa abschalten, wenn gleichzeitig genug Strom durch Solaranlagen produziert wird. Ein vollausgebautes, intelligentes Stromnetz könnte auch den Verbrauch regulieren und während besonders sonnigen Stunden Signale an gekoppelte Systeme senden und so etwa Haushaltsgeräte zum optimalen Zeitpunkt laufen lassen.

Strom sparen mit Stromdaten?


Studien der EU-Kommission schreiben dem Austausch ein Einsparpotenzial von 9 Prozent der EU-weiten Emissionen zu. Der Nutzen soll auch für Verbraucher spürbar werden. Wer einen Smart-Meter besitzt, soll effektiver Strom sparen können. Ein Smart-Meter im Stromschrank senkt ohne Zutun jedoch weder den Verbrauch noch die Stromkosten. Vielmehr stellen die genauen Aufzeichnungen Verbrauchern lediglich Daten zur Verfügung, die einen effizienteren Umgang mit Energie möglich machen.

Konkret geht das etwa auf dem Online-Portal „Energiesparkonto“ und per „EnegieCheck“-App. Ist der Smart Meter mit dem Internet verbunden, können Nutzer ihre Daten dort jederzeit einsehen. Die Registrierung ist kostenlos, gefördert wird das Portal durch das Bundesumweltministerium. Der aktuelle Verbrauch wird dort anschaulich dargestellt und ermöglicht beispielsweise einen Vergleich mit Vorjahreswerten oder anderen Nutzern. Umso vernetzter der Haushalt ist, desto höher ist das Einsparpotenzial. Auch Daten für einzelne Geräte wie Trockner oder Waschmaschine können ausgewertet werden, sind diese vernetzt, macht das einen automatischen Betrieb zu günstigen Preisen möglich. So könnte der Geschirrspüler nachts laufen, während Standby-Funktionen zur Schlafenszeit gleichzeitig abgeschaltet würden.

Höhere Kosten für Einbau und Betrieb


Verbraucherschützer kritisieren jedoch, dass die Einsparungen für den durchschnittlichen Haushalt letzten Endes kaum ins Gewicht fallen werden. Studien zum Nutzen von Smart-Metern für Verbraucher kommen ebenfalls zu ernüchternden Ergebnissen. Zahlt ein Zwei-Personen-Haushalt etwa 50 Euro monatlich für Strom, muss die Einsparung recht hoch sein, um schließlich ins Gewicht zu fallen. Dazu kommt, dass die Möglichkeit, Haushaltsgeräte flexibel zu nutzen für den Großteil der Verbraucher nicht besteht. Smart-Home-Anwendungen nutzen bislang nur etwa eine halbe Millionen Haushalte. Zwar steigt die Zahl, eine flächendeckende Vernetzung von Häusern und Wohnungen ist kurzfristig jedoch nicht in Sicht.

Anstatt Geld zu sparen, kommen auf Stromkunden für die neuen Geräte Zusatzzahlungen zu. Muss für die digitalen Strommesser etwa der alte Zählerschrank umgebaut werden, können Kosten von mehreren hundert Euro entstehen. Die jährlichen Betriebskosten werden dem Verbrauch angepasst. Kleine Haushalte zahlen gesetzlich nicht mehr als 23 Euro, mittleren dürfen jährlich nicht mehr als 40 Euro in Rechnung gestellt werden. Steigt der Verbrauch, steigen auch hierfür die Kosten.

Verfälschte Messwerte und verpasste Markteinführung


Nicht nur mögliche Zusatzkosten, auch die Messtechnik ist Gegenstand von Kritik. Eine Studie niederländischer Forscher mit neun Smart-Meter-Modellen legte bei über der Hälfte der Geräte beträchtliche Messfehler offen. Die angegebenen Werte wichen bis zu sechs Mal vom Messwert der Ferraris-Zähler ab. Fehler, die für Verbraucher im Zweifel teuer werden können. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbz) sieht allerdings kein Problem für in Deutschland verbaute Zähler, die erhöhten Anforderungen entsprechen müssen. Wer unsicher sei, könne bei seinem Netzbetreiber nachfragen, ob die Anforderungen dem Report TR CLC TR 50579 oder dem FNN-Leitfaden zur Bewertung der Zuverlässigkeit und Messbeständigkeit von Elektrizitätszählern und Zusatzeinrichtungen entsprächen, rät Johanna Kardel vom vzbz.

Zuletzt musste der Starttermin für die Einführung der Smart-Meter verschoben werden. Zwar sind die Zähler vorhanden, die Gateways für die Weitergabe der Messdaten befinden sich jedoch noch in der Zertifizierung. Mit einem Einsatz sei vor Jahresbeginn 2018 wohl nicht zu rechnen, erklärt der vzbz.

Gläserner Stromkunde: Was der Stromverbrauch verrät


Alle zwei Sekunden misst der intelligente Stromzähler den Verbrauch eines Haushalts und übermittelt die Daten weiter. Daraus lassen sich für Verbraucher nicht nur Stromfresser und Verbrauchshochs identifizieren, die Zahlen lassen auch Aussagen über Gewohnheiten und Präferenzen der Bewohner zu. Dafür reichen Grundkenntnisse über die Funktionsweise technischer Geräte. Ein Kühlschrank etwa kühlt aktiv jede halbe Stunde für etwa 15 Minuten, eine Mikrowelle läuft nur wenige Minuten, die Waschmaschine zieht mehrmals die Woche für ein bis zwei Stunden Strom.

Forscher der FH Münster konnten aus Verbrauchsdaten sogar ermitteln, welches Fernsehprogramm zu bestimmten Zeiten lief. Umso heller die Szene, desto mehr Hintergrundbeleuchtung benötigen moderne Fernseher. Vergleicht man die Hell-Dunkel Sequenzen mit dem TV-Programm, lassen sich Filme präzise zuordnen.
Landen die Daten auf externen Servern der Energiekonzerne, bieten sich Angriffsflächen für Datendiebstahl. Die Zähler leiten sensible Daten über Stromkunden an Versorger weiter. Wann befinden sich wie viele Personen im Haus, wie viel Fernsehen schauen die Bewohner, was sind die Schlafenszeiten – Informationen die Vermieter, Krankenkassen, Industrie und Behörden erlauben, genaue Profile zu erstellen. Um Missbrauch zu verhindern, prüft ein Zertifizierungsprozess die Sicherheit der Anlage. Untersucht werden dabei sowohl Gateways, die Administration durch den IT-Betrieb als auch die Kommunikationsübermittlung die über einen verschlüsselten und integritätsgesicherten Kanal erfolgen muss.

Stromversorgung der Zukunft


Ändert sich die Energieproduktion durch erneuerbare Energien, müssen sich künftig auch das Netz sowie der Strommarkt anpassen. Flexible Prozesse, automatische Optimierung und Echtzeit-Kommunikation machen grüne Energie versorgungssicher und günstig. Auch eine immer dezentralere Produktion etwa durch private Solaranlagen kann durch Vernetzung effizienter geregelt werden. Smart Meter bieten dafür die Basis. Ohne einen weiteren Ausbau der Netze und neue Strukturen und Prozesse am Strommarkt, bleiben die intelligenten Zähler jedoch überflüssig.

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Quellen:
Verbraucherzentrale NRW
Deutsche Handwerkszeitung
swr.de
Tagesspiegel