Nachhaltigkeit & Innovation

Rückenwind für die Windkraft?

/ Sven Ebbing

Die vergangenen Jahre waren keine guten für die deutsche Windkraft-Branche. Eine toxische Mischung aus zu viel Bürokratie, langwierigen Anwohner-Klagen und wenig politischem Willen stürzte viele Unternehmen in die Krise und brachte die Energiewende massiv ins Stocken. Inzwischen scheint die Windkraft endlich wieder etwas Auftrieb zu erhalten. Das wird auch höchste Zeit, aber reicht es zu einer echten Trendwende?

Während die Europäische Union vor wenigen Tagen mit ehrgeizigen Ausbauplänen für Offshore-Windparks vor den Küsten aufmerken ließ (Verfünffachung innerhalb von zehn Jahren), ist die Lage an Land weit weniger dynamisch. Die aktuelle Situation in Deutschland lässt sich anhand einiger Zahlen illustrieren. Das Jahr 2019 markierte aus Sicht der hiesigen Windkraft-Branche den absoluten Tiefpunkt. Um 55 Prozent lag der Zuwachs an Windkraft-Leistung unter dem ebenfalls schon schwachen Jahr 2018. Nur 325 Onshore-Anlagen mit einer Leistung von knapp über 1000 Megawatt kamen hinzu. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 2017 waren es noch 1792 neue Anlagen, war über 5300 Megawatt entspricht. Laut Bundesverband Windenergie sind jährlich mindestens 4700 Megawatt notwendig, um den geplanten Erneuerbaren-Anteil von 65 Prozent bis 2030 zu erreichen. Seit mehr als zwei Jahren hechelt Deutschland diesem Ziel aber weit hinterher.

Vor allem langatmige bürokratische Prozesse und Klagen gegen neue Windräder behindern die Umsetzung vieler Windkraft-Pläne. Zudem fallen viele ältere Windkraftanlagen Ende des Jahres aus der EEG-Förderung heraus und werden deshalb unwirtschaftlich. Die beste Möglichkeit besteht hier im Repowering, also der Erneuerung und Effizienzsteigerung von alten Anlagen, um den Betrieb weiter attraktiv zu halten. Die Branche wartet aber aktuell noch auf konkrete Vorschläge aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Lichtblicke für die Windkraft-Branche

Trotz der offensichtlichen Probleme sind derzeit auch einige positive Entwicklungen zu verzeichnen. Schon Mitte September hatte der Zubau von Windrädern den Vorjahreswert mit bis dato 2000 Megawatt deutlich übertroffen. Das ist zwar immer noch wenig im Vergleich zu den Hochzeiten des Ausbaus, allerdings sind es Lichtblicke nach einer langen Durststrecke für die Branche, die auch mit einem Stellenabbau bei Herstellern von Windenergieanlagen einherging.

Auch aus dem Bundestag gab es in den vergangenen Wochen gute Nachrichten. Anfang November wurde hier das sogenannte Investitionsbeschleunigungsgesetz beschlossen, das auch Auswirkungen auf den Windkraft-Ausbau haben dürfte. Langwierige Genehmigungen für große und hohe Windkraftanlagen sollen damit beschleunigt werden können. So sollen Klagen etwa von Anwohnern oder Naturschützern gegen eine Genehmigung der Windräder nicht mehr dazu führen, dass der Bau ins Stocken gerät oder die Anlagen in Betrieb gehen können. Auch soll die Dauer von entsprechenden Verfahren verkürzt werden. Wie groß der Effekt der neuen Bestimmungen in der Praxis sein wird, muss sich erst noch zeigen. Immerhin stellt die Politik an dieser Stelle unter Beweis, dass sie die zentralen Probleme erkannt hat. Die nächste Möglichkeit dazu haben Altmaier und Co. bei der anstehenden Reform des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG).

Thinktank: Windkraft wichtig für Klimaneutralität

Der Druck auf die Entscheidungsträger wird auch aus der Wissenschaft erhöht. Die Vordenker von Agora Energiewende fordern ein „Sofortprogramm Windenergie an Land“, mit dem Deutschland endlich die Kurve in Richtung Klimaneutralität 2050 kriegen soll. Mit sechs Maßnahmen soll ein Neustart für die Windkraft laut den Experten gelingen: Deutlich mehr Ausschreibungen für neue Anlagen, neue Flächen für Windräder, Weiterbetrieb älterer Anlagen durch Repowering, mehr Rechtssicherheit für die Windkraftbranche, schnellere Genehmigungsverfahren und zuletzt eine Konkretisierung von Regeln zum Artenschutz, um eine bessere Zusammenarbeit mit Umweltverbänden zu erreichen.

Auch Energieverbraucher profitieren

Rückenwind für die Windkraft könnte auch den Energieverbrauchern zugutekommen. „Ohne deutlich mehr günstigen Windstrom werden die Börsenstrompreise in den nächsten Jahren deutlich steigen“, sagt Agora-Direktor Patrick Graichen. Das würde sich mittelfristig auch auf die Strompreise für den eigenen Haushalt auswirken. Mehr Rückenwind für die Windkraft wäre also auch im Sinne der Stromverbraucher. Ob sich die positiven Entwicklungen nur als laues Lüftchen oder als stetiger Auftrieb entpuppen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Weitere Quellen:
Der Spiegel berichtet über Chancen des Repowerings

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