Radioaktivität bei Erdgas- und Erdölförderung

Die fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas gelten hierzulande als ungeliebte, aber notwendige Energiequellen. Neben ihrem Schaden durch CO2-Ausstoß ist allerdings wenig darüber bekannt, dass sie auch andere schwerwiegende Probleme für Mensch und Umwelt schaffen können.

von Matthias Epkes
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Datum: 11.11.2015 13:49

In den oberen Erdschichten finden sich überall strahlende Elemente wie Thorium und Uran. Zerfällt letzteres bilden sich vor allem zwei wichtige Stoffe: das hochgiftige Radium-225 sowie Polonium-210. Diese Stoffe kommen natürlich vor und gehören somit zu den NORM-Stoffen (naturally occurring radioactive material). Solange diese Stoffe im Erdinneren verweilen, werden sie nicht zum Problem. Dies ändert sich, wenn sie über Umwege zu Tage gefördert werden. Allein Radium hat dabei eine Halbwertszeit von 1600 Jahren.

Die Förderanlagen für Erdgas und Erdöl holen neben den konventionellen Energieträgern auch große Mengen an Abwasser und Schlamm hoch. Hier befinden sich die aus dem Erdreich gelösten NORM-Stoffe und werden unbeabsichtigt an die Oberfläche gebracht. Zusätzlich bleibt vieles auch an den Rohren und anderen Teilen der Förderanlagen haften. Werden diese Teile produktionsbedingt ausgetauscht, können die strahlenden Materialien vor allem für die Arbeiter zum Problem werden.

Nicht zu unterschätzende Strahlung der Abfälle


Die Internationale Atom-Energie Agentur (IAEA) geht bei der Förderung von Erdöl und Erdgas von einer Strahlenbelastung zwischen 0,1 und 15.000 Becquerel pro Gramm aus. Zum Vergleich: die normale radioaktive Belastung durch den Boden beträgt 0,03 Becquerel. Die Erdölfirma Exxon gibt für die in Deutschland anfallenden Abfälle eine durchschnittliche Belastung von 88 Becquerel an. Selbst dieser Wert ist um ein vielfaches höher und wohl nicht von öffentlicher Hand verifiziert. Die Industrie scheint das Problem klein zu reden. Der Wirtschaftsgemeinschaft Erdöl- und Erdgasgewinnung e.V. geht von wenigen hundert Tonnen Abfall aus, nach WDR-Recherchen dürften es jedoch ein paar tausend Tonnen sein.

Über den radioaktiven Müll entscheidet die Industrie selbst


Trotz dieses Gefahrenpotentials sieht das Bundesamt für Strahlenschutz keinen Grund zu übertriebener Sorge und gibt an, dass die Abfälle in Eigenverantwortung der Unternehmen entsorgt werden sollen. Dabei setzt die Strahlenschutzverordnung bereits bei einem Becquerel pro Gramm des Materials ein und stuft dieses als überwachungswürdig ein. Da älter werdende Quellen auch mehr NORM-Stoffe an die Oberfläche fördern, wird dieses Problem voraussichtlich akuter werden.
Der entstehende Abfall bei Förderung von Öl und Gas wird gerne von Recyclingfirmen übernommen, um aus diesen in einem aufwendigen Verfahren beispielsweise Quecksilber zu gewinnen. Die immer noch strahlenden Rückstände werden dann – nicht immer mit entsprechenden Warnhinweisen – auf dem Gelände der eigenen Firma gelagert. Wie damit weiter verfahren wird, ist nicht weiter festgelegt.

Fracking fördert Problem von radioaktiven Stoffen


Deutschland ist weltweit gesehen ein äußerst kleiner Erdöl- und Erdgasförderer und somit vergleichsweise gering belastet. Weltweit geht man von einigen Millionen Tonnen aus. So ist zum Beispiel in Kasachstan der radioaktive Abfall Hauptgrund für die Strahlenbelastung, und nicht etwa die hunderten Atombombentests zur Zeit der UdSSR. Auch andere Länder haben sichtliche Schwierigkeiten mit der Entsorgung der problematischen Stoffe. So wurden in den USA bisher schon mehrere hundert tausend Tonnen über Freiflächen gekippt, britische Öl- und Gasplattformen schütten die mit NORM-Stoffen belasteten Abfälle direkt in die Nordsee. Damit kann auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass auch Nahrungsmittel mit den gefährlichen Stoffen in Berührung kommen.

Das Problem mit den natürlich vorkommenden radioaktiven Stoffen wird auch für das Thema Fracking wichtig werden. Auch hier wird unter großen Druck Wasser ins Erdreich gepresst. Dabei können Radium und ähnliche Stoffe gelöst werden. Das NRW-Umweltministerium machte bereits 2012 auf die Gefahr der Kontaminierung von Grundwasser aufmerksam. Die Notwendigkeit eines Einsatzes der Fracking-Methoden muss mit diesem bisher wenig beachteten Problem diskutiert werden.

Quellen:
Planet Wissen
Deutschlandfunk
Westdeutscher Rundfunk