„Strom-Sharing“- das Energiemodell der Zukunft?

Strom wird normalerweise über Konzerne und Zwischenhändler bezogen. Das soll bald der Vergangenheit angehören - folgt man zumindest einem Modell, das sich Bürgerstrom oder auch „Strom-Sharing“ nennt. Doch was hält es für Vorteile und Nachteile bereit? Und ist es überhaupt zukunftstauglich? Ein genauerer Blick auf das Konzept lohnt sich.

von Jule Krause
News

Datum: 18.03.2019 16:58

Die Idee: Strom wird in privaten Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung (Windenergie-, Fotovoltaik und Biomasseanlagen) produziert und nach Deckung des Eigenbedarfs in das öffentliche Stromnetz eingespeist. Lokale Verbraucher können den Strom direkt kaufen, der Stromversorger fällt weg.

Dezentralität als größter Vorteil

Die Vorteile liegen auf der Hand: Strom wird bürgernah und regenerativ erzeugt und der reine Ökostrom, der sonst möglicherweise in der großen Strommasse untergeht, gelangt auf direktem Weg zum Verbraucher. Diese Dezentralität kann, so ein zentraler Gedanke, die Marktmacht verschieben. Der Verbraucher soll genau wissen, wo sein Strom herkommt, wer ihn wo und wie produziert und welche Gedanken dahinterstecken. In diesem Sinne sollen große Konzerne durch viele kleine, möglichst ökologische Stromversorger ersetzt werden, die idealerweise auch noch aus der Region kommen. Darüber hinaus betonen Befürworter die Entlastung des EEG-Kontos, da keine Einspeisevergütung ausgezahlt wird. Durch die dezentrale Erzeugung des Stroms und den Verbrauch vor Ort rechnet man außerdem mit reduzierten Netznutzungsentgelten und sinkenden Kosten für das Stromnetz. Auch die Sonnencommunity, nach eigenen Angaben weltweit größte Plattform für Strom-Sharing, greift das Modell auf. Stromversorgung soll intelligent, nachhaltig und transparent gemacht werden, da Kleinkraftwerke bereits über 35 % des Stroms in Deutschland bereitstellen, heißt es auf der Webseite. Ebenfalls wird die Unabhängigkeit vom Stromversorger betont. Das Stromnetz soll zusätzlich durch Blockchain stabilisiert werden.

Aktuelle Lage auf dem Strommarkt wirft Probleme auf

Problematisch wird es erst, wenn man auf die Realität abseits der Theorie schaut. Noch gibt es vergleichsweise wenig Abnehmer des selbst produzierten Ökostroms, da dieser bis dato recht teuer ist. Zudem haben viele Verbraucher Angst vor einem Blackout. Ökostrom aus dem Markt kann Versorgungslücken bei schlechten
Wetterverhältnissen allerdings schließen. Daher kaufen die Stromproduzenten bei Versorgungsengpässen hinzu. Dass die anfängliche Sorge damit unbegründet ist, ist vielen Verbrauchern anfangs nicht klar. Auf der anderen Seite kann das Konzept nur Fuß fassen, wenn es dem Preiswettbewerb im Strommarkt standhält. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht der Fall. Kritisiert werden außerdem die fehlenden Voraussetzungen auf dem heutigen Energiemarkt. Derzeit wird der Stromverbrauch nämlich durch normale Summenzähler einmal jährlich ermittelt- das heißt, dass der zeitgleiche Verbrauch von zugekauftem Bürgerstrom nicht ermittelt werden kann. Dazu kommt, dass nicht eindeutig geklärt ist, was mit dem überschüssigen Strom passiert, der nicht verkauft wird. Offen bleibt beispielsweise, wie genau die Vergütung bei der Einspeisung aussieht.

Start-Ups greifen das Konzept auf

Ein bereits gestartetes Beispiel der Vermarktung solch einer Stromproduktion hierzulande ist beispielsweise das Start-Up Enyway, das sich zum Ziel gemacht hat, Ökostrom aus der Region attraktiver zu machen. Dabei sollen große Konzerne überflüssig werden, um die Energiewende aktiv voranzutreiben. Enyway ist eine Plattform für den Verkauf und Kauf von Strom, eine Art „Online-Marktplatz“, wie sich das Unternehmen selber beschreibt. Gründer Heiko von Tschischwitz, der das Ökostrom-Unternehmen Lichtblick führte, setzt auf seiner Webseite auf kleine Vorstellungsvideos mit den persönlichen Geschichten der Stromproduzenten, sowie Daten und Fakten rund um die jeweilige Art der Stromerzeugung. Schnell wird deutlich: Sympathie ist ein ganz großes Thema bei EnyWay. Produzent und Verbraucher bauen über die Plattform eine Art persönliche Verbindung auf. Dass sich so sauberer Strom kaufen und verkaufen lässt, wirkt fast schon wie ein nettes „Nebenprodukt“. Das Start-Up übernimmt die An- und Ummeldung und setzt die Stromerzeuger für eine monatliche Gebührenpauschale von 3,99 Euro in Szene.

„Strom-Sharing“ womöglich lukrativer in der Zukunft

Die verbrauchsnahe Erzeugung von elektrischer Energie durch kleine, regionale Anlagen ist, soviel lässt sich bisher sagen, eine zukunftsweisende Idee, die viel Potenzial mit sich bringt.  Der Energiemarkt könnte komplett umstrukturiert werden, indem die Unabhängigkeit vom Stromversorger eine neue Dimension annimmt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass eine technische Aufrüstung stattfindet. Darunter fallen beispielsweise intelligente Zähler, die den Stromverbrauch öfter und genauer ermitteln, sowie smarte Verbrauchsgeräte, die die gezielte Verbrauchseinteilung ermöglichen. Dass es zum jetzigen Zeitpunkt schon klappen kann, zeigt das Beispiel eines privaten Stromverkäufers aus Scheeßel. Der Strom aus seiner alten Mühle, die in dem kleinen Örtchen zwischen Hamburg und Bremen steht und eigenständig bis zu 42 Prozent des Strombedarfs des einzelnen Verbrauchers decken kann, ist mittlerweile ausverkauft.