Flugreisen als Klimasünde: Wie passt Tourismus und Nachhaltigkeit zusammen?

Dass eine Flugreise nicht spurlos an der Umwelt vorbei geht, ist keine große Überraschung. Trotzdem kann sich kaum jemand davon freisprechen, nicht mehr in den Urlaub fliegen zu wollen. Wie lassen sich dennoch Umweltschutz und Flugreisen unter einen Hut bringen? Zugegebenermaßen kaum. Dennoch beschäftigt sich die Forschung genau mit dieser Frage und fordert ein Umdenken – seitens der Politik, der Fluggesellschaften und der Konsumenten.

von Helena Fischer/Jule Krause
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Datum: 24.09.2018 16:29

Das Flugzeug ist eins der beliebtesten Reiseverkehrsmittel der Deutschen. 40% nutzten es im Jahr 2017, um in den Urlaub zu gelangen, 13% um eine Fernreise anzutreten. Aber nicht nur in Sachen Verwendung liegt das Flugzeug ganz weit vorne: Es ist auch das klimaschädlichste Verkehrsmittel. Ein Hin- und Rückflug nach Mallorca beispielsweise verursacht pro Person ungefähr 500 kg CO2 – ganz abgesehen von den zahlreichen anderen Schadstoffen, die durch den Luftverkehr in die Atmosphäre gelangen. Experten schätzen, dass Kohlenstoffdioxid nur 50% der Verschmutzung ausmacht – die andere Hälfte sind andere toxische Stoffe wie Stickoxide, Schwefeldioxide und Kohlenmonoxid.

Theoretische Ansätze sind in der Praxis oft schwer realisierbar

Experten machen sich schon lange Gedanken darüber, wie man die erheblichen Auswirkungen auf das Klima eindämmen kann. Und sie kommen auch zu Lösungsansätzen – die leider in der Realität noch kaum umsetzbar sind. Für ein nachhaltiges Gegensteuern müssten nämlich alle Branchen, die am Flugverkehr beteiligt sind, einbezogen werden. Lediglich eine Kombination von verschiedenen Ansätzen, würde das Problem in der Theorie lösen:

Die Flugzeuge so umzugestalten, dass sie weniger verbrauchen, weniger ausstoßen und effizienter fliegen, wäre ein Mittel, um die Umweltschäden zu reduzieren. Tatsächlich wird auch bereits an technologischen Lösungen gearbeitet und erste Tests werden gestartet. Experten halten die Entwicklung jedoch für zu optimistisch. Genauso berge der Einsatz erneuerbarer Treibstoffe zwei Probleme: zum einen sind die Flugzeuge noch nicht darauf ausgelegt und zum anderen könnte der Anbau von Rohstoffen für sogenannte Biomasse in Ländern wie Brasilien in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten und die Entwaldungsrate erhöhen. Kritiker befürchten, dass Flugzeughersteller versucht sein könnten, daher auf teure technologische Verbesserungen zu verzichten und stattdessen auf kostengünstige freiwillige Kompensation in Entwicklungsländern zu setzen.

Dass sich die Politik der Problematik weiter annimmt, ist ein weiterer Ansatz. Dabei geht es nicht darum, den Menschen die Flüge zu verbieten oder die Anzahl zu begrenzen, sondern darum, Steuern oder Emissionsobergrenzen einzuführen. So fallen Innereuropäische Flüge fallen seit 2012 unter das europäische Emissionshandelssystem (ETS). Und die Politik geht noch einen Schritt weiter: Sollte sich die ICAO (Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation) bis 2021 zu keinem gleichwertigen internationalen Entgegenkommen bereitfinden, werden auch interkontinentale Flüge unter das ETS fallen. Zusätzlich gibt es seit 2011 eine Luftverkehrssteuer für gewerbliche Passagierflüge.

Zudem werden Forderungen laut, die Politik sollte sich weiter mit der Einschränkung und Besteuerung des Flugverkehrs befassen. Denkbar sind beispielsweise die Luftverkehrsteuer auszubauen, ein einheitliches Nachtflugverbot für ganz Deutschland oder die EU-Umsatzsteuerbefreiung im grenzüberschreitenden Flugverkehr aufzuheben. Was bisher ebenfalls fehlt, ist eine Kerosinsteuer, wodurch ein ökonomischer Anreiz geschaffen würde, den Treibstoff einzusparen.

Hinzu kommen zahlreiche weitere Ansätze, wie eine Verbesserung der Effizienz im Flugverkehrsmanagement oder auch ein vermehrter Umstieg auf energieeffizientere Verkehrsmittel, wie Bahn oder Auto.

Freiwillige Flugreisenkompensation: Das Mittel zum Zweck?

Immer öfter wird auch die freiwillige Kompensation der Flugreisen ins Spiel gebracht und scheint zunächst ein Lichtblick darzustellen. Diese Maßnahme, bei der Emissionen an anderer Stelle neutralisiert werden können, ist ein Mittel, um den Flugverkehr weniger schädlich zu machen. Prof. Dr. Wolfgang Strasdas, Professor für Nachhaltiges Tourismusmanagement, bemängelt jedoch in seinen Arbeiten, dass die praktische Durchführung der Dienstleister oft nicht stimme. Um wirklich einen effizienten Beitrag zur Gegensteuerung zu leisten, müssten zunächst einmal die Daten verlässlich sein: Bisher gäbe es noch viele Ungenauigkeiten und große Unterschiede zwischen den Rechnern – auch was die Flugangaben selbst betrifft. Außerdem mangele es an geeigneten Projekten, die die Emissionen der Flüge in voller Höhe neutralisieren. Um aber überhaupt dieses Prinzip nachhaltig und umfangreich im Tourismus zu etablieren, müssten noch viel mehr Konsumenten dieses Mittel nutzen. Dafür fehle bisher vor allem eine weitreichende Kommunikationspolitik.

Die Kombination macht’s

Viele Maßnahmen und Ideen stehen also im Raum. Aber nur die Verknüpfung von allen kann wirklich etwas bewirken. Dabei liegt die Lösung doch eigentlich auf der Hand: die Menschen müssten weniger fliegen. Letztendlich wird auch kein Weg daran vorbeiführen, die Transportintensität des Tourismus zu verringern. Denn eine technologische Revolution im Flugverkehr, die dieses Problem auf eine andere Weise lösen könnte, ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Die Entwicklung internationaler Standards für Kompensationsprogramme wird daher als wichtige Aufgabe angesehen, um dieses Mittel zu stärken und zu etablieren.

Eine der entscheidendsten Fragen in dieser Debatte ist und bleibt aber: Warum reisen wir eigentlich so viel, obwohl wir wissen, wie schädlich es ist? Forscher haben eine Antwort darauf: Emotionen, Gewohnheiten und Verdrängung sind mächtiger als das Wissen um Fakten und moralische Haltungen. Und solange sich diese Einstellung nicht ändert, bedarf es andere, politische und wissenschaftliche Lösungen.

Weitere Quellen:
Deutschlandfunk
Süddeutsche Zeitung
ZENAT (Zentrum für nachhaltigen Tourismus)

SCHWERPUNKTTHEMA: CO2

Millionen Tonnen Treibhausgase-Emissionen werden laut Umweltbundesamt hierzulande jährlich ausgestoßen - vor allem durch Energiewirtschaft, Verkehr, private Haushalte und Gewerbe. Die Folgen sind bekanntlich verheerend: die Erde heizt sich immer weiter auf, die Pole fangen an zu schmelzen und in vielen Regionen kommt es zu Naturkatastrophen und Dürren.

Um dieses Problem in Angriff zu nehmen, gewinnt die sogenannte „CO2-Kompensation“ immer weiter an Bedeutung – auf freiwilliger Basis, aber auch auf internationaler politischer Ebene. Wir beleuchten das Thema in unserem neuen Schwerpunkt.

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