Vorsicht vor Verbraucherfallen: Die Tricks der Anbieter

2016 wechselten rund 4 Millionen Stromkunden ihren Anbieter. Wer Neukunden abgreifen will, braucht als Stromlieferant gute Angebote. Mit Dumpingpreisen unterbieten manche Anbieter deswegen die Konkurrenz, Verbraucherschutz bleibt da häufig auf der Strecke.

von Katharina Korczok
News

Datum: 19.04.2017 15:41

Auf der Suche nach dem günstigsten Preis vertrauen die meisten Verbraucher auf Tarifrechner. Diese werben mit einer umfassenden Übersicht und schnellen, einfachen Anbieterwechseln. Zwei Klicks auf einer großen Stromvergleichsseite führen Kunden zum Tarifranking. Über allen sticht meist ein deutlich günstigeres Angebot aus der Menge. Mit einem Wechsel winkt ein Bonus, zusätzlich zum unschlagbar günstigen Preis. Der Tarif ist von Kunden sehr gut bewertet und von der Seite geprüft. Knapp darunter erscheint das erste Angebot eines Ökostromanbieters. Der Tarif ist kaum merklich teurer, geprüft und gut bewertet. Wer noch zweifelt, mag vom Neukundenbonus überzeugt werden. Obendrauf gibt es einen Monat Gratisstrom.

Preis bleibt häufigster Wechselgrund


So oder so ähnlich wissen sogenannte Discountanbieter das typische Verbaucherverhalten für sich zu nutzen: Positive Bewertungen und der beste Platz im Ranking – die eigenen Tarife sollen auf den ersten Blick einen guten Eindruck machen. 2015 befragte die Wirtschaftsprüfung PwC Verbraucher zu ihrem Wechselverhalten. Für 9 von 10 Kunden war der Preis Hauptgrund für einen Anbieterwechsel. Dazu informieren sich rund zwei Drittel von Online-Käufern über Kundenbewertungen, die Hälfte vertraut dafür auf Preisvergleichsportale, wie eine Studie des Digitalverband Bitkoms kürzlich ergab.

Preisschlacht um Wechselwillige


Trotz der Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes bleibt die deutsche Stromlandschaft von einigen Konzernen dominiert. Von 43 Millionen Haushalten beliefern die 10 größten Stromversorger bereits über die Hälfte, jeder vierte Verbraucher ist Kunde bei einem der drei größten Konzernen RWE, EnBW oder E.on. Jeder Vierte Kunde ist mit seinem aktuellen Versorger dazu zufrieden, oder plant keinen Wechsel. Für neue Anbieter beginnt daher die Schlacht um die wechselwilligen Verbraucher. In einem Einzugsgebiet können Kunden mittlerweile zwischen rund 100 Angeboten wählen. Verbraucher können also durchaus kritisch zwischen den Angeboten wählen. Dabei überzeugen derzeit viele Tarife zumeist noch mit zusätzlichen Boni. Doch ist das günstigste auch immer das beste Angebot? Schließlich gibt es keine Qualitätsunterschiede von Strom.

Nach den Pleiten von Teldafax und Flexstrom geriet mit der jüngsten Insolvenz des Stromanbieters Care Energy abermals das Geschäft der sogenannten Stromdiscounter in die Schlagzeilen. Seit Jahren warnen Verbraucherschützer bereits vor Preisfallen bei diesen Anbietern. Ein Blick auf die Beschwerden auf der Verbraucher-Seite zeigt, welche Anbieter unzufriedene Kunden sammeln. Beschwerdeportale wie Reclabox zeigen, wie teilweise hochgerankte Anbieter der Vergleichsportale im Nachhinein auffallend viele unzufriedene Kunden produzieren. Die hier aufgeführten Daten decken sich mit Angaben der Bundesnetzagentur. Diese teilte auf Anfrage mit, dass den Verbraucherservice 2016 insgesamt 15.000 Beschwerden und Anfragen erreichten, etwa 5.000 mehr als im Vorjahr. Die Mehrzahl konzentriere sich auch hier auf einige wenige Unternehmen und Anbieter. Die häufigsten Probleme machen fehlerhafte Abrechnung, Lieferantenwechsel und Vertragsbedingungen.

Gute Kundenbewertungen sagen oft nichts aus


Informationen, die auf den meistgenutzten Wechselportalen nirgends zu finden sind. Zwar bewertet ein Portal etwas versteckt die verschiedenen Anbieter, die Kriterien für die vergebenen Noten bleiben jedoch unersichtlich. Wertvoller als die Beurteilungen der Portale sollen dagegen die Kundenbewertungen sein. Authentisch und in hohen Zahlen sollen sie Verbrauchern eine Orientierungshilfe geben und gute von schlechten Tarifen abgrenzen. Doch die Kundenaussagen täuschen, da sie meist bereits kurz nach dem Vertragsabschluss verfasst werden. Anstatt etwas über den Service und die Zuverlässigkeit eines Anbieters zu verraten, sind die Bewertungen höchstens mit Blick auf den Wechselprozess aussagekräftig.

Bei Beschwerden geht es heute um Themen wie unbeachtete Kündigungen, nichtgezahlte Boni, Abschlagszahlungen und versteckte Preiserhöhungen. Probleme die höchstens nach einigen Monaten aufkommen. Anführer in Sachen Kundenunzufriedenheit auf Reclabox ist ExtraEnergie. Letzten Monat rühmte sich der Anbieter noch, unter den Top Ten der beliebtesten Anbieter zu rangieren. Die Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov bezieht sich jedoch wieder auf Kundenbewertungen, die kurz nach dem Wechsel abgegeben wurden. Nachhaltige Zufriedenheit der Kunden bleibt damit ausgeklammert. Im Blickpunkt stehen lediglich Preis, Bewertung des Wechselprozesses und Ranking.

Dumpingpreis durch Preiserhöhung


Dabei lohnt sich eine simple Rechnung, um potentielle Verbraucherfallen aufzudecken. 2017 beläuft sich der Strompreis auf insgesamt 29,16 Cent pro KWh. Eines der günstigsten Angebote für einen Jahresverbrauch von 2000 KWh veranschlagt rund 425 Euro im ersten Jahr. Nur für den reinen Strompreis müssten Kunden allerdings bereits 600 Euro zahlen. Macht ein Minus von über 150 Euro in der Kasse des Anbieters, dessen Geschäft sich eigentlich aus der Marge zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis finanziert.
Nachhaltig lassen sich solche Angebote daher nicht finanzieren. Nur wenn im folgenden Vertragsjahr etwa die Preise kräftig angehoben werden oder Bonuszahlungen an weitere Bedingungen geknüpft werden, kann sich das Modell Billigstrom rentieren. Vergessen Kunden im Folgejahr also zu wechseln, wird aus einem vermeintlichen Schnäppchentarif schnell eine Preisfalle. Für viele Kunden fängt der Ärger hier jedoch erst an. 2016 bearbeitete die Schlichtungsstelle Energie (SSE) rund 6.000 Anträge. Die SSE ist Anlaufstelle für Verbraucher, die nach einer erfolglosen Beschwerde bei ihrem Versorger Unterstützung bei einer außergerichtlichen Einigung suchen. Auch hier konzentriert sich ein Großteil der Beschwerden wieder auf einige wenige Anbieter. Eine Aussage zu den konkreten Unternehmen machte die Schlichtungsstelle nicht. Auch die Bundesnetzagentur wollte sich diesbezüglich nicht äußern.

Mehr zahlen, weniger Ärger?


Auf Nummer sicher gehen Kunden daher, indem sie günstige Lockangebote vermeiden. Wer einen jährlichen Wechsel plant, sollte Vertragsbedingungen etwa zu Boni gründlich checken. Doch die Beschwerden zeigen, dass auch hier unter Umständen Ärger mit Rechnung und Co. Drohen. Auch wenn sie weniger verlockend sind, bleiben etwas teurere Angebote im Zweifel die bessere Wahl für Geldbörse und Nerven.

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Quellen:
Bundesnetzagentur
Monitoring-Bericht
Stern