Interviews

„Die herausragende Eigenschaft von Power-to-Gas ist die gute Speicherbarkeit“

/ Sven Ebbing

Im Interview mit dem Energieverbraucherportal erklärt Dr. Matthias Deutsch, Projektleiter beim Denk- und Politiklabor Agora Energiewende, die Vor- und Nachteile der Power-to-Gas-Technologie und erläutert die Ergebnisse einer Studie zu den zukünftigen Kosten strombasierter synthetischer Brennstoffe.

Energieverbraucherportal: Für die Weiterentwicklung der Power-to-Gas-Technologie (PtG) empfehlen Sie mehr Investitionen. Was genau muss jetzt aus Ihrer Sicht geschehen, damit PtG in Deutschland Zukunft hat? In welchen Bereichen sind die Voraussetzungen für eine flächendeckende Nutzung noch nicht ausreichend? Und: Um welche Summen geht es?

Deutsch: Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten rechnet sich PtG heute nirgendwo auf der Welt. Von alleine wird es deshalb nicht kommen. Wir wissen aber, dass wir es ungefähr ab 2030 immer mehr brauchen werden. Außerdem wissen wir, dass es noch ein erhebliches Potenzial für Kostensenkungen gibt. Deshalb ist es sinnvoll, an einer Markt-Einführungsstrategie für PtG zu arbeiten. Wie die aussehen kann, ist noch gar nicht klar, deshalb lässt sich auch noch nicht über Summen sprechen.

Sie empfehlen, Power-to-Gas vor allem als „Joker“-Technologie einzusetzen. Was meinen Sie damit genau? Aus welchen Gründen warnen Sie zugleich davor, fossile Brennstoffe eins zu eins durch synthetische Brennstoffe zu ersetzen?

Deutsch: PtG ist für die Energiewirtschaft ähnlich wertvoll wie ein Joker im Spiel. Sie können fast alles damit machen, gleichzeitig sind Joker aber kostbar und knapp. Wir sollten sie deshalb immer nur dann einsetzen, wenn es wirklich keine anderen Trümpfe mehr gibt. Im Heizbereich sind Wärmepumpen die günstigere und energieeffizientere Alternative, im Verkehr ist es meistens die Elektromobilität. PtG könnte aber als Vorprodukt von synthetischen Kraftstoffen eine Rolle im Seeschiffs- oder Luftverkehr spielen, denn hier ist die direkte Nutzung von Strom bisher höchstens eingeschränkt möglich.

Die herausragende Eigenschaft aber ist die gute Speicherbarkeit von PtG – die könnte uns in einer Welt mit sehr hohen Anteilen von Erneuerbaren Energien im Strommix sehr dabei helfen, Dunkelflauten von einigen Wochen zu überbrücken. Das können Sie bisher kaum mit einer anderen Technologie. An dieser Stelle ist PtG nicht nur ein Joker, sondern unschlagbar.

Sie sprechen von einem notwendigen Öl- und Gaskonsens zwischen Politik und Wirtschaft. Warum braucht es ihn und wie könnte er aussehen?

Deutsch: Die neue Bundesregierung hat angekündigt, das Klimaschutzziel 2030 in jedem Fall erreichen zu wollen. Das bedeutet, dass wir unseren Verbrauch von Diesel, Benzin und Heizöl in nur 12 Jahren halbiert haben müssen. Und unser Verbrauch von Erdgas muss um 20 Prozent sinken. Wer das nicht will, der erklärt das Klimaschutzziel bereits heute zur Makulatur – oder er fordert implizit einen schnelleren Kohleausstieg, ohne das deutlich zu sagen.

Power-to-Gas, das zeigt der zweite Teil Ihrer Studie, ist keine Technologie, die vor nationalen Grenzen Halt macht. Können Sie einen kleinen Überblick geben, inwiefern auch andere Standorte außerhalb Deutschlands in eine langfristige Strategie eingebunden werden müssen?

Deutsch: Unsere Studie zeigt, dass PtG sich an vielen Standorten auf der Welt zu günstigeren Kosten produzieren lässt als in Deutschland. Davon können wir im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung natürlich profitieren. Und für jene Länder, die heute klimaschädliches Öl und Gas liefern, ist das ja auch eine Perspektive. Gleichwohl sollten wir darauf achten, uns im Rahmen der PtG-Einführung nicht in neue Abhängigkeiten von Energieproduzenten zu begeben. Ebenso muss klar sein, dass unser Energieverbrauch künftig stärker Nachhaltigkeitskriterien unterliegt als bislang.

Letzte Frage: Wie lange dauert es noch, bis Power-to-Gas ein fester Bestandteil der Energiewende ist?

Deutsch: Im Jahr 2030 wird es sicherlich schon einige Anwendungen geben, in denen PtG eine wichtige Rolle spielt. Im Schwerlastverkehr zum Beispiel. Denn der Verkehrssektor hat im Gegensatz zu den anderen Sektoren bislang überhaupt keinen Beitrag zum Klimaschutzziel geliefert, hier ist der Handlungsdruck also am größten.

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