Verbraucherthemen

Corona und Klima: Angst und Panik als aktivierende Kräfte

Über Jahre hinweg wird auf die Klimakrise hingewiesen, doch im Verhalten der Menschen ändert sich wenig bis gar nichts. Gefühlt müssen dicke Bretter gebohrt werden, um in die Köpfe der Menschen zu gelangen und ein Umdenken zu erwirken. Dann tritt die abstrakte Gefahr eines Virus auf die Tagesordnung und das Leben steht Kopf. Wieso?

Vor einem Supermarkt in Düsseldorf stehen kaum noch Einkaufswagen. Mitten am Tage, mitten in der Woche. Die wenigen verbliebenen Wagen geben eine Vorahnung, was sich im Laden abspielen muss.  Drinnen ist es voll. Einige Regalmeter, wo normalerweise Kartons mit Nudeln liegen sollten, sind fast komplett leergefegt. Nur ein paar Bio-Nudeln wurden zurückgelassen. Statt Lebensmitteln in den Regalen stapeln sich die Menschen in den Gängen, durch dessen Enge man sich ungewollt näherkommt. Die Angst vor der Ansteckung durch COVID-19 hat Deutschland und seine Bürger fest im Griff, nur die Bürger sich selbst nicht.   

Es ist bemerkenswert wozu wir Menschen in dieser Situation fähig sind und – vielleicht noch wichtiger – wie bereitwillig wir Dinge in unserem Leben ändern, um eine mögliche Gefahr zu minimieren. Menschen begeben sich freiwillig in häusliche Quarantäne und haben kein Problem damit. Sie ändern ihr eigenes Verhalten. Sie waschen sich öfters die Hände, desinfizieren Oberflächen, versuchen anders zu niesen und sich nicht ins Gesicht greifen. Alles auch zum Schutz der Allgemeinheit. Sie informieren sich im Internet über aktuelle Entwicklungen, über Ratschläge des Robert-Koch-Instituts, folgen aufmerksam der Aussagen von Experten und Politikern.

Auch Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Desinfektionsmittel und Mundschutzmasken sind derzeit der absolute Renner. Man ist sogar bereit, hierfür hohe Summen auf sich zu nehmen und erhöhte Preise zu zahlen, wovon einige findige Personen profitieren. Selbst vor Diebstahl schrecken Einige nicht zurück. Die irrationale Sorge vor einer Infektion ist so hoch, dass Menschen sich dazu entschließen, eine Straftat zu begehen. Mit Verstand hat das alles wenig zu tun. Eher mit Panik.

Panik ist angebracht – aber nicht erst seit Corona

„Ich will, dass ihr in Panik geratet“, sagte die Klima-Aktivistin Greta Thunberg im vergangenen Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Immerhin, das kann man festhalten, in Panik geraten derzeit einige Menschen, allerdings wohl nicht aus dem Grund, den sich Greta wünschte. Wenn man sieht, was in Zeiten von Corona gesellschaftlich und politisch möglich ist, fragt man sich, warum in Sachen Klimapolitik so wahnsinnig träge gehandelt wird. Würden wir auch bei der Klimakrise ähnlich agieren, wir hätten in zehn Jahren bereits annähernd Klimaneutralität.

Doch wir Menschen reagieren bei einer Grippe über. Sicherlich darf man nicht vergessen, dass COVID-19 für bestimmte Personen, besonders ältere und welche mit Vorerkrankungen, eine wirkliche Gefahr darstellt. Es soll auch nicht darum gehen, die Sorge um eine Verbreitung des Grippevirus auf ein minimales Maß zu bringen. Dass Vorkehrungen getroffen werden, eine Verbreitung zu erschweren, ist nur richtig.

Dennoch ist der Klimawandel eine drängende und reale Gefahr. Die Hitzewellen der Sommer 2003, 2006 und 2015 haben allein in Deutschland fast 20.000 Menschen das Leben gekostet. Da der Trend in eine bestimmte Richtung geht, kann man davon ausgehen, dass auch in Zukunft viele Menschen im Sommer sterben werden. Aber wieso handeln wir jetzt nicht? Weil wir alleine so wenig bewirken können? Das ist als Argument kaum haltbar, denn die Weltwirtschaft zittert vor einer neuerlichen Krise, die das Virus und vor allem die Sorgen der Weltbevölkerung auslösen könnten. Es wäre also angebracht, wenn wir alle in Sachen Klimaschutz „überreagieren“ würden und zu handeln beginnen.

Beim Klimawandel können wir nicht das Bett hüten, Tee trinken und einen Serienmarathon starten. Er wird unser leben nachhaltig und unser ganzes Leben begleiten.

Angst bei Corona, Desinteresse beim Klimawandel

Eine zentrale Emotion, die unser Handeln in Zeiten bevorstehender Krisen beeinflusst, ist die Angst. Angst kann wissenschaftlich sowohl unter psychischen und physischen Merkmalen als auch in individuellen und gesamtgesellschaftlichen Verhaltensweisen untersucht werden. In einem Interview mit der Rheinischen Post sagt der Angstforscher Borwin Bandelow, dass eine neue und unbeherrschbare Gefahr bei uns immer zu überproportionaler Angst führe. Unser „Angstgehirn“ interessiere sich dann nicht mehr für Fakten und gerate in Panik. Bezogen auf das Corona-Virus betont der Angstforscher betont, dass sich das nach einigen Wochen wieder normalisieren könne.

Vielleicht ist der Klimawandel für uns zu normal geworden. Er ist nicht wie das Virus ein neues, plötzlich in unseren Alltag platzendes Phänomen. Die immer wiederkehrende Berichterstattung zur Klimakrise führt zu einer „Nicht das Thema schon wieder“-Haltung. Sollen wir jetzt etwas machen, um später davon einen Vorteil zu haben, ist es weniger attraktiv. Ein Beispiel: Man sollte sich jetzt gut ernähren, um später länger gesund zu bleiben, aber den Burger oder die Pizza will man jetzt. Da ist die Zukunft erst einmal egal. Ebenso wollen wir jetzt mit dem Flugzeug verreisen oder Rindfleisch essen. Zumal niemand die „Belohnung“, die man erhält, wenn man sich jetzt asketisch verhält, definieren kann. Daher muss man am Ende resignierend festhalten, dass wahrscheinlich auch in Zukunft nur wenige Menschen für die Klimakrise „überreagieren“ werden.

Weitere Quellen:
Artikel der Süddeutschen Zeitung zu Auswirkungen der letzen Hitzewellen
Artikel der Rheinischen Post zu Angstforschung