Problem-AKW Tihange – Zwischen Angst und Abschalten

Die Reaktoren des belgischen Kernkraftwerks Tihange stehen aufgrund ihrer Grenznähe immer wieder im Fokus deutscher Medien. Meldungen über Vorboten einer größeren Katastrophe und die Versorgung der belgischen Bevölkerung mit Jodtabletten befeuern erneut eine gewisse Endzeitstimmung. Diskussionen verstummen wohl erst dann, wenn das AKW stillgelegt wird.

von Matthias Epkes
News

Datum: 08.03.2018 15:34

Precursor-Fälle und Haarrisse in Tihange

In den deutschen Medien steht  das AKW Tihange besonders im Fokus. Das liegt nicht nur an der besonderen Nähe zur deutschen Grenze und den größeren Ballungsräumen Nordrhein-Westfalens. Besonders die vielen Probleme sorgen für Ärger über den belgischen Problemnachbar. Immer wieder wurden die Reaktoren heruntergefahren. Besonders pikant war die Meldung, dass am Hochdruckkessel des Reaktors Tihange 2 tausende Haarrisse festgestellt wurden. Die Atomaufsichtsbehörde FANK gab dazu an, dass es sich vermutlich um feine Risse handelt, die schon beim Bau entstanden seien und den aktuellen Betrieb nicht störten. Wirklich beruhigend klingt das nicht. Als wären die Risse nicht schon genug, wurden Anfang des Jahres für Tihange 1 acht Zwischenfälle zwischen 2013 und 2015 bekannt, die als Vorboten größerer Katastrophen gelten können, sogenannte Precursor(engl. für Vorbote)-Fälle. Damit wäre nicht nur Tihange 2 unter besonderer Beobachtung, auch Tihange 1 wäre ein Grund mehr zur Sorge.

Furcht vor einen Super-GAU ist Realität im Grenzbereich

Medien greifen dieses Thema natürlich gerne auf. Das liegt natürlich an den tatsächlich vorhandenen Problemen der belgischen Reaktoren. Die Diskussion wird allerdings auch noch negativ befeuert, in dem die Verteilung von Jod-Tabletten im Aachener Raum zum Thema gemacht wird. Die Verteilung von Tabletten oder der Kauf von Schutzmasken für Kinder, lässt die Gefahr weniger abstrakt, sondern deutlich realer erscheinen. Es suggeriert, dass eine Katastrophe irgendwie bevorstehen könne. Aufkommende „Panik“ ist somit auch ein Resultat der Praxis zur Vorsorge. In der Schweiz z.B. werden Bürgerinnen und Bürger in der Nähe von Reaktoren grundsätzlich versorgt. Wer vor Ort leben will, bekommt sowieso Tabletten.

Dass nun auch die belgische Regierung – wie der Stern berichtet – all ihren Bürgern (nicht nur denen in der Nähe von Reaktoren) Jodtabletten in Aussicht stellt und eine Internetseite zur Aufklärung atomarer Risiken einrichtet, macht eine gewisse Endzeit-Stimmung perfekt. Der Stern betitelt passend dazu seine Story mit der Überschrift: „in Tihange mehren sich Vorboten für Atomunfall“. Sicherlich etwas übertrieben, allerdings sagte der längjährige Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Manfred Mertins, gegenüber dem WDR: „Ich erinnere daran, dass Tschernobyl einen Vorläufer hatte, nur nicht beachtet wurde. Tschernobyl hätte nicht stattfinden können und nicht stattfinden dürfen, wenn man sachgerecht Untersuchungen durchgeführt hätte“.

Fällt der Name der größten Kernenergie-Katastrophe, schrillen bei vielen Menschen die Alarmglocken. Inwieweit die „Panik“ vor einer Katastrophe wirklich gerechtfertigt ist, ist schwer zu beurteilen. Die Reaktoren haben das Potenzial zu jenen Vorfällen zu gehören, wo die Plattitüde „hinterher ist man immer schlauer“ zutreffen würde. Leider wäre ein Super-GAU derart gravierend, dass sich eine solche Haltung nicht politisch durchsetzen darf.

Bis 2025 wird wohl nichts passieren – was die Laufzeit angeht

Das Kernkraftwerk Tihange liegt in der Wallonischen Region und ist nur 57 Kilometer von der deutschen Grenzstadt Aachen entfernt. Insgesamt stehen am Standort drei Reaktoren. Die belgische Kernenergie komplettiert der zweite Standort Doel mit vier Reaktoren. Eigentlich sollten die Reaktoren 40 Jahre nach ihrer Betriebnahme 1975 laufen. Somit wäre die belgische Energieversorgung 2015 atomstromfrei gewesen. Allerdings wurde den Kraftwerken eine Verlängerung bis 2025 gewährt, da man Versorgungsengpässe vermutete.

Eine vorzeitige Abschaltung wird unter der aktuellen Regierung wohl kaum durchzusetzen sein. Die stärkste Partei Belgiens ist die Nieuw-Vlaamse Alliantie (NVA), bei der immer wieder Ideen laut wurden, die aktuellen Laufzeiten zu verlängern. Bei Verhandlungen zwischen NRW-Energieminister Andreas Pinkwart (FDP) und Belgiens Innenminister Jan Jambom sowie Energieministerin Marie-Christine Marghem betonte die belgische Seite nochmal die gesetzlichen Laufzeiten. Immerhin möchte die belgische Regierung künftig auch NRW direkt über Vorfälle informieren.