Amerikas unterschätzte Energiewende

Die USA gelten als verschwendungssüchtige Konsumliebhaber, Erfinder des Fracking und ignorante Klimasünder. In der Tat führen die Vereinigten Staaten von Amerika die Liste der größten Treibhausgas-Emittenten hinter China an.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 07.11.2014 11:29

Allerdings sind die USA klammheimlich dabei, ihre Umweltstatistiken aufzupolieren und ein grünes Gewissen zu entwickeln. Die erneuerbaren Energien wachsen in beachtlicher Geschwindigkeit und schaffen auf lange Sicht einen zukunftsfähigen Markt, der einen alternativen Weg zum deutschen stark subventionsabhängigen Modell darstellt.

Ökostrom als Wachstumsmarkt


Im bisherigen Jahresverlauf haben die regenerativen Energiequellen einen größeren Zuwachs zu verzeichnen als fossile. Im Jahr 2012 wurde ein neuer Rekord an zugebauten Windkraftanlagen aufgestellt, und auch die Solarindustrie konnte ihre Installationen 2011 und 2012 vervielfachen. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Solarkapazität in den Vereinigten Staaten um den Faktor 130 auf mittlerweile 13.000 Megawatt. Dabei verzichten die USA auf einheitliche Subventionierung, aber fast alle Bundesstaaten fördern mit eigenen Programmen den Zubau grüner Energie. Ökostrom-Anlagen werden, anders als stellenweise in Deutschland, nur dort installiert, wo die Standortbedingungen entsprechend gut sind. Im „Windgürtel“ beziehen Staaten wie South Dakota und Iowa bereits mehr als 20 Prozent ihres Strombedarfs aus Windenergie. Sonnenreiche Staaten wie Arizona, Kalifornien oder Colorado setzen eher auf Sonnenkraft.

Punktuelle Finanzspritzen statt Gießkannenprinzip bei Erneuerbaren Energien


Insgesamt ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung in den letzten zehn Jahren von 4,1 auf 12,9 Prozent gewachsen. Damit liegt der Ökostrom-Anteil noch weit hinter Deutschland, allerdings verläuft der Umsteig bisher ohne zusätzliche Belastungen für Verbraucher. Dank des hierzulande umstrittenen Fracking-Booms gibt es in den USA günstiges Gas im Überfluss, das die Strompreise niedrig hält. Auch die maßvolle Subventionierung hat einen Kostensprung bisher verhindert. Natürlich ist der Verlass auf unsichere Technologien wie Fracking und Atomstrom aus deutscher Perspektive fragwürdig, doch mit dem steigenden CO2-Ausstoß aufgrund des Rückgriffs auf Kohleenergie in ökostromarmen Zeiten haben auch die Deutschen keine weiße Weste beim Thema Umweltschutz.

Klimapolitik USA: Machtkampf tobt beim Klimaschutz


Politisch herrscht beim Thema Energiewende und Klimaschutz nach wie vor Uneinigkeit in Washington. Das US-Parlament blockiert seit Jahren jegliche Vorstöße, sodass der Präsident mittlerweile eigene Wege sucht, um Klimapolitik durch die Hintertür über Ministerien und die Umweltbehörde EPA zu machen. Im Juni verkündete Barack Obama zusammen mit der EPA die ersten verbindlichen Regeln für die Reduktion der CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken. Aktuellen Berichten zufolge plant er zudem einen neuen internationalen Klimavertrag, in dem sich die Unterzeichnerstaaten keinen verbindlichen Emissionszielen unterwerfen sondern eigene Zielsetzungen für den Klimaschutz verfolgen.

Während in Deutschland die Bundesregierung den Takt der Energiewende vorgibt, kommt der Wille zum Umwelt- und Kimaschutz in den USA eher von unten. Bundesstaaten, Counties und Kommunen gründen immer mehr Initiativen und leiten letztlich die Wende ein, der sich der US-Kongress noch verwehrt. Im Vordergrund entsteht so das Bild der ignoranten Amerikaner, die jegliche Vorstöße zum Thema Klimaschutz ablehnen. Im Hintergrund wird fleißig an einer Zukunft mit erneuerbaren Energieträgern gearbeitet. Die USA gehen einen mühsamen Weg, aber auch sie schaffen Arbeitsplätze und sind auf der Suche nach neuen Technologien. Diese Energiewende setzt auf Marktprinzipien und ist somit vielleicht eher durchdacht, als das deutsche Ökostrom-Reform-Chaos; in jedem Fall ist das Modell für die Verbraucher günstiger.

Quellen:
Wirtschaftswoche
The European
Spiegel
Die Zeit
Südwestrundfunk