Energiebranche leidet unter Ölpreistief

Nach Jahren des Förder- und Geldrausches fordert der Ölpreisverfall erste Opfer. Immer mehr Unternehmen verkünden Entlassungen und Projektabsagen. Eine Drosselung der Energieproduktion könnte den Weg aus der Ölkrise ebnen.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 11.11.2015 13:44

Die Internationale Energieagentur rechnet in naher Zukunft nicht mit dem von der Branche erhofften Steigen des Ölpreises. Es gebe zwar Zeichen für eine Wende, doch eine signifikante Erholung werde aller Voraussicht nach zunächst nicht zu erwarten sein, erklärte eine Sprecherin der IEA. Aufgrund der weltweit schwachen Wirtschaftslage scheine die Wende durch eine erhöhte Nachfrage nach fossilen Brennstoffen eher unwahrscheinlich. Folglich müsste die Änderung von der Angebotsseite erfolgen, die mit der vermehrten Produktion bereits für das den Preisverfall verantwortlich sei. Weltweit verkünden indes immer mehr Investoren, geplante und laufende Projekte auf Eis zu legen oder abzusagen, weil die derzeitigen Konditionen keine gewinnbringenden Ergebnisse zuließen. Andere Unternehmen müssen bereits zu Notinstrumenten wie Entlassungen und Sparprogrammen greifen.

Sechs-Jahres-Tief an der Börse bedroht Investitionen


Seit Juni 2014 sind die Ölpreis um 60 Prozent gefallen und haben mittlerweile ein Sechs-Jahres-Tief erreicht. Ein Barrel Öl kostet an der New Yorker Börse derzeit lediglich 46,25 Dollar (39,50 Euro). Für alle Akteure, die von den Einnahmen aus der Branche abhängen, geht es dabei um große Verluste. Laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds bedeutet der Preisverfall allein für die Golfstaaten bisher einen Einnahmeausfall von 300 Milliarden Euro. Claudio Descalzi, Vorsitzender des Italienischen Energieunternehmens Eni, warnt jedoch davor, Investitionen in neue Projekte aufgrund des niedrigen Rohstoffpreises zu senken. Werde in vier bis fünf Jahren nicht mehr genügend gefördert, könnte der Ölpreis auf 200 Dollar je Fass steigen.

Rückzug aus unrentablen Projekten


Doch die Internationale Energieagentur sieht genau in dieser Fördersenkung den Ausweg aus dem derzeitigen Dilemma. Obwohl Unternehmen wohl nicht den Vorhersagen der IEA folgen sondern ökonomischem Kalkül, erreichen immer mehr Nachrichten über drastische Maßnahmen als Reaktion auf den Preisverfall die Öffentlichkeit: Der norwegische Energiekonzern Statoil zog drei Explorationslizenzen an der Küste Grönlands zurück, da die Bohrkosten zu hoch seien und das Projekt sich beim derzeitigen Stand nicht rentiere. Auch der US-Ölkonzern Chevron kündigte an, geplante Ölbohrungen in der kanadischen Arktis bis auf weiteres zu verschieben. Shell und der britische Ölkonzern Premier Oil ziehen sich derzeit ebenfalls zunächst aus Energieprojekten zurück. Auch in der Nordsee kämpft die Ölindustrie mit dem Rückzug vieler Investoren. „Wir stehen kurz vor dem Kollaps“, sagt Robin Allan, Chef des britischen Branchenverbandes Brindex, der vor allem kleinere Ölfirmen vertritt. „Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen.“

Erster Einbruch der Fracking-Industrie


Auch die umstrittene Technologie Fracking ist von den Entwicklungen nicht ausgenommen. Die vor allem durch Fracking verantwortete Gasschwämme aus den USA wird für einen Teil des Preisverfalls verantwortlich gemacht. Nach jahrelangem Boom muss die Branche auch in den Vereinigten Staaten sich nun den mitverursachten Marktentwicklungen beugen. Der US-Ölbohrspezialist Schlumberger kündigte an, nach massiven Gewinneinbrüchen weltweit 9000 Stellen zu streichen. Die direkte Konkurrenz, Halliburton und Baker Hughes, erklärten Ende des Jahres ihre Fusion, um Kosten zu senken. ConocoPhilips, der drittgrößte Ölkonzern der USA, wird 2015 seine Investitionen um ein Fünftel kappen und der größte Bergbaukonzern der Welt, BHP Billiton, wird zehn seiner 26 Frackingbohranlagen in den USA bis Juli stilllegen.
Die Effekte der eingeleiteten Maßnahmen werden sich erst langfristig auf die Börse auswirken, es bleibt abzuwarten, ob die getroffenen Entscheidungen reichen werden, um die erhoffte Wende einzuleiten.

Quellen:
Handelsblatt
Wirtschaftswoche Green
Spiegel
Spiegel
Welt
Kurier.at