Simulationsstudie: 36 Deutsche Kohlekraftwerke könnten sofort abgeschaltet werden

Trotz der Bemühungen der Lobby sinkt die Abhängigkeit Deutschlands von der Kohlekraft. Laut einer neuen Studie könnten unverzüglich 36 Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 11.11.2015 14:01

Deutschland könnte auf einen Schlag 36 der ältesten Kohlekraftwerke abschalten ohne die Stromversorgung zu gefährden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von den Energiemarktspezialisten Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace. Die Maßnahme könnte nicht nur die Bundesregierung durch 70 Millionen eingesparte Tonnen CO2 ihren Klimazielen näher bringen, sondern gleichzeitig die Energiewende stärken. Der Markt würde zudem von einer gesteigerten Rentabilität von Gaskraftwerken profitieren. Nur die Verbraucher müssten mal wieder draufzahlen.

Strategische Reserve und Energiehandel für Versorgungssicherheit


Derzeit halten die hiesigen Konzerne große Überkapazitäten bei Kohlekraftwerken. Das Institut Energy Brainpool hat in seiner Simulation überprüft, wie der europäische Markt auf ein sofortiges Abschalten von nicht benötigten, alten und CO2-intensiven Kohlekraftwerken reagieren würde. Die Ergebnisse sind dabei durchaus interessant. Beinahe die Hälfte aller deutschen Braunkohlekraftwerke und ein Fünftel der Steinkohlekraftwerke könnte demnach vom Markt genommen werden. Die Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 15 Gigawatt würden in die sogenannte strategische Reserve wandern und nur dann den Betrieb wieder aufnehmen, wenn nicht genügend Strom am Markt verfügbar wäre.

Im Jahr 2015 würde die strategische Reserve Schätzungen zufolge gar nicht gebraucht werden. Wenn 2023 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht, würden lediglich vier Gigawatt an sechs Stunden im Jahr benötigt. Zusätzlich könnte Energie aus anderen europäischen Ländern importiert werden. Da zur gleichen Zeit die aktuell hohen Stromexporte sinken würden, hätte die Bundesrepublik bald eine ausgeglichene Import-Export-Bilanz. Durch die dadurch angestoßene Belebung des angestrebten europäischen Energiebinnenmarktes könnte Europa etwa 35 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Allein Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens 62 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Energiesektor einzusparen. Mit dem aktuellen Kurs würde es sein Emissionsziel für 2020 verfehlen. Die Reduktion der aktuellen Überkapazitäten in der Kohlekraft könnte daher ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaschutz sein.

Verbraucher würden für Marktstabilität zahlen


Kohlestrom gehört derzeit zu den günstigsten Energieformen und hat dadurch einen sehr großen Anteil am Energiemix. Durch das Abschalten der Kraftwerke würde der Börsenstrompreis laut den Stromexperten von Energy Brainpool, geringfügig ansteigen. Damit könnten Gaskraftwerke, die derzeit aufgrund mangelnder Rentabilität kaum zum Einsatz kommen, wieder kostendeckend arbeiten und vermehrt eingesetzt werden. Gleichzeitig würden höhere Einnahmen von Ökostromanlagen vermutlich die EEG-Umlage verringern und so einen Teil des Strompreisanstiegs kompensieren. Während in der Studie von einem Preisanstieg von „lediglich“ 0,6 Cent je Kilowattstunde die Rede ist, hält Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW, den Wert für eine zusätzliche Belastung: „Ein Haushalt mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden zahlt dann pro Jahr 24 Euro mehr.“ Insbesondere einkommensschwache Haushalte seien häufig wohl kaum in der Lage, einen derartigen Aufschlag zu bezahlen.

Quellen:
neueenergie.net
Spiegel