Stromüberfluss: Nachbarländer machen die Stromgrenzen dicht

Wenn bei guter Wetterlage die Ökostromproduktion nach oben schnellt, sind deutsche Stromnetze der Stromflut nicht mehr gewachsen. Die Energie fließt in die Nachbarländer ab und verursacht dort immer wieder Blackouts. Nun wehren sich die angrenzenden Länder gegen den ungewollten Stromzufluss.

von Bente Löhndorf
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Datum: 11.11.2015 14:09

Das Problem ist schon lange bekannt: Der Netzausbau kann nicht mit den Investitionen in erneuerbare Energien mithalten. Aufgrund der mangelnden Wege ist der Strom nicht in der Lage zum Verbraucher oder nach Süddeutschland zu fließen und wird in die Nachbarländer abgeleitet. Für diese werden die Stromüberschüsse aber langsam zu einem unberechenbaren Risiko für die Netzstabilität, sodass sie Maßnahmen ergreifen, um die ungewollten Energieflüsse zu stoppen.

Die unerwarteten Stromüberschüsse aus deutschen Ökostromanlagen überfordern die hierzulande unzureichenden Netze. Der Überschuss weicht automatisch in andere verfügbare Netze aus. Insbesondere Tschechien, Polen, die Niederlande, Belgien und Frankreich erhalten so ungewollt deutschen Ökostrom. Tschechiens Ständiger Vertreter in der EU erklärt die Folgen: „Wenn im Norden ein starker Wind weht, bekommen wir ihn ab, dann haben wir den Blackout.“ So bedroht die Energiewende derzeit nicht die Versorgungssicherheit in Deutschland aber führt aufgrund von Überkapazitäten in angrenzenden Netzen zeitweise zu weitreichenden Stromausfällen.

Da die einfache Problemlösung, der Ausbau deutsche Stromnetze, immer weiter diskutiert und vertagt wird, nehmen die betroffenen Länder die Sache nun selbst in die Hand. Die Niederlande, Belgien und Frankreich haben unabhängig voneinander Blockadevorrichtungen installiert. Auch Polen errichtet derzeit die sogenannten Phasenschieber, die noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden sollen. Tschechien plant die Leistungstransformatoren bis 2016 zu installieren. „Wir haben den Deutschen gesagt, entweder ihr baut euer Stromnetz aus, oder wir sperren euch aus“, sagte ein EU-Diplomat Journalisten in Brüssel.

Schuld ist vor allem der erfolgreiche Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Windkraft. Neben den zunehmenden Ökostrommengen wird aber auch Energie aus Kohlekraft immer stärker Exportgut, da deutsche Kohlekraftwerke weiter am Laufen gehalten werden müssen, um die Stromversorgung verlässlich aufrecht zu erhalten. Dadurch entstehen Jahr für Jahr immer neue Exportrekorde. Doch eine anfällige Infrastruktur und inkonsistente Zusammenarbeit innerhalb der EU sind der Herausforderung der zahlreichen europäischen Energiewenden nicht gewachsen. „Als es nur Kohle- und Kernkraftwerke gab, war das Energiesystem sehr berechenbar. Nun wird es immer weniger berechenbar, da mehr und mehr alternative Energiequellen ans Netz gehen“, sagte Joanna Mackowiak Pandera vom deutschen Thinktank Agora Energiewende.

Brüssel sucht eine europäische Lösung und möchte die derzeit stark separierten Energiemärkte miteinander verknüpfen. Ende Juli legte die Kommission einen Plan vor, wie ein grenzenloser Energiemarkt aussehen könnte, der mit einem Anstieg erneuerbarer Energiequellen umgehen könnte. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird im kommenden Jahr erwartet. Bis 2020, so das Ziel der Europäischen Kommission, sollen mindestens zehn Prozent der in der EU installierten Stromerzeugungskapazitäten miteinander verbunden sein. Doch diese Zielsetzung ist angesichts der Proteste aus den Nationalstaaten schwer zu erreichen. Ursprünglich hatte sich die Europäische Union schon für 2002 auf dieses Vorhaben geeinigt.

Die laufende Debatte erhöht den Druck auf Deutschland, den verzögerten Netzausbau endlich in Angriff zu nehmen. Doch selbst wenn die neuen Netze wie geplant bis 2022 stehen, dauert das zu lange. Bis dahin könnten Anlagenbetreiber die Windenergieproduktion an stürmischen Tagen drosseln, doch dem steht die Politik im Weg: „Es ist ein unangenehmes Problem, das durch eine irrationale Politik verursacht wird, die es Deutschland verbietet, Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie herunterzufahren“, sagt Walter Boltz, Vizepräsident des Regulierungsgremiums bei der zuständigen EU-Agentur ACER, im Gespräch mit "Politico".

Doch auch die Nachbarländer könnten sich bewegen. Boltz weist darauf hin, dass Polen die zugeleitete Energie auch verbrauchen könnte, statt sie nur durchzuleiten oder zu blockieren. Um die eigene Industrie zu schützen wehre sich das Land dagegen jedoch bisher. Die Nachbarländer könnten auch ihre eigenen Stromexporte nach Süddeutschland reduzieren, damit für den deutschen Strom Platz ist. Damit würde jedoch die deutsche Energiewende die Stromexporte von Ländern wie Frankreich und Tschechien behindern.

Im letzten Jahr hat Deutschland die Zusammenarbeit mit seinen Nachbarländern verstärkt. Die Bundesrepublik hat bereits Abkommen mit Polen und Tschechien vereinbart, um Ländergrenzen überschreitende Energieströme zu regulieren, das System vor Überladung zu schützen und die Blackoutgefahr zu begrenzen. Auch ein im Juni beschlossener Pakt mit den elf Nachbarn soll die Integration der jeweiligen Energiemärkte weiter vorantreiben.

Dennoch bedroht das deutsche Prestigeprojekt Energiewende weiter die Versorgungssicherheit der umliegenden Länder. Die Lösungsmöglichkeiten sind vielfältig aber aufwändig. Umso dringender wird der Bau der Nord-Süd-Trasse sowie unter Umständen eine erneute Reform der politischen Vorgaben für die Energiewende.

Quellen:
Die Welt
t-online.de
energiezukunft.eu