Stromsparen als Nachbarschaftswettbewerb

Wenn finanzielle und moralische Anreize nichts bewirken, ist sozialer Druck manchmal das Mittel der Wahl. Um Menschen zum Stromsparen zu bewegen, zeigt Opower Verbrauchern, wie viel sie im Vergleich zu ihren Nachbarn verbrauchen. Der Wettbewerbsdruck zeigt Wirkung.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 11.11.2015 14:10

Viele Verbraucher beschäftigen sich mit dem Thema Energiesparen und würden angesichts der steigenden Strompreise gerne ihren Verbrauch reduzieren. Doch im Alltag ist es gar nicht so einfach, eingefahrene Routinen zu ändern. Das Unternehmen Opower setzt daher neue Impulse – im Gegensatz zu bereits existierenden Smart-Home-Lösungen appelliert es nicht an den Pragmatismus und gesunden Menschenverstand der Verbraucher sondern setzt auf Psychologie. Die Software zeigt Kunden nicht nur den aktuellen Stromverbrauch auf sondern auch, wie sie im Vergleich zu ihren Nachbarn stehen. Der fiktive Wettbewerb spornt Verbraucher an, weniger zu verbrauchen als die Leute von nebenan.

Psychologie statt finanzieller Anreize


Seit 2007 läuft in den USA das „weltweit größte Experiment in der Verhaltensforschung“. Im Gegensatz zu vielen konkurrierenden Serviceanbietern setzt Opower nicht auf finanzielle Anreize und moralische Appelle für den Klimaschutz sondern auf sozialen Druck. Indem Opower den Verbrauchern aufzeigt wie hoch ihr Verbrauch im Vergleich zu ihren Nachbarn ist, entsteht ein fiktiver Wettbewerb, der neue Anreize zum Stromsparen gibt.

Das Geschäftsmodell beruht auf einer wissenschaftlichen Studie, die zwei Psychologen 2004 veröffentlichten. Robert Cialdini und Wesley Schultz wollten nach einigen überlastungsbedingten Stromausfällen herausfinden, wie Kalifornier sich am besten zum Stromsparen motivieren ließen, indem statt der stromintensiven Klimaanlage Ventilatoren nutzten. Sie brachten Zettel an 1207 Haustüren an, die vier verschiedene Botschaften enthielten: „Sparen Sie bis zu 54 Dollar im Monat“, „Schonen Sie die Umwelt, verschwenden Sie keine Energie“, „Sparen Sie Strom, um künftigen Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen“. Doch alle drei Apelle an den Sparfuchs, das grüne Gewissen oder das Verantwortungsgefühl der Bürger hatte keinerlei Auswirkungen. Nur die vierte Nachricht fand offenbar Gehör: „Laut Umfragen nutzen viele Ihrer Nachbarn Ventilatoren.“ Anschließende Befragungen und Datenauswertungen zeigten, dass allein diese Nachricht, zu einer Veränderung der Routinen und dadurch zu einem geringeren Verbrauch führte.

Informationen schaffen Kontexte


„Einige unserer Entscheidungen sind nicht immer rational, aber werden aufgrund eines gewissen Kontexts getroffen“, erklärt man bei Opower. Indem man diesen Kontext herstelle, leite es Verbraucher zum Energiesparen an. Das Bedürfnis aller Menschen, sich innerhalb gewisser Normen zu bewegen, zeigt auch bei Opower Wirkung. Die Stromkunden erhalten Briefe, die ihnen aufzeigen, wie ihre Verbrauchsbilanz im Vergleich zu ihren Nachbarn ist und welchen Platz sie in einem Ranking um den energieeffizientesten Haushalt einnehmen. Mittlerweile können Kunden diese Informationen nicht mehr nur aus Briefen beziehen sondern aus regelmäßig verschickten Emails, SMS und Apps.

Personalisierte Kommunikation als Erfolgsrezept


Ermöglicht wird dieses System durch einen riesigen Datenpool, der sich aus den Daten von beinahe 100 Versorgern, 96 Milliarden Smart Metern und weiteren Informationsquellen speist und von einer eigenen Software ausgewertet werden. Personalisierte Nutzerprofile bieten den Kunden zudem die Möglichkeit, auf den Lebensstil angepasste Stromspartipps und haushaltsbezogene Verbrauchsinformationen einzusehen. Diese sind mit dem jeweiligen Versorger abgestimmt. „Wir glauben, dass unsere Plattform die richtige Lösung für Energieversorger ist, weil sie unvernetzte Softwareprodukte ersetzt, die kostenintensiv und eine wenig zufriedenstellende Erfahrung sind“, so der Unternehmensgründer. Einige Versorger bieten in Kooperation mit Opower ihren Kunden sogar Rabatte, wenn sie in Zeiten hoher Netzauslastungen ihren Verbrauch senken.

Der Vergleich mit anderen Energiesparsoftwares beweist die Effektivität der Methode: Kunden sparen fast genauso viel wie mit konkurrierenden Serviceanbietern, obwohl bei dem lediglich verhaltensbasierten Programm auf teure Smart-Home-Lösungen weitestgehend verzichtet wird. Im Durchschnitt verbrauchen die 1,5 Millionen Teilnehmer der Opower-Plattform drei Prozent weniger Strom als zuvor. Knapp 2,8 Terrawattstunden Energie sollen seit der Unternehmensgründung 2007 nach eigenen Angaben eingespart worden seien. Und das Unternehmen verzeichnet gute Wachstumsdaten, insbesondere seit dem Börsengang 2013.

Am effektivsten kann Opower arbeiten, wenn moderne Verbrauchsmessgeräte, sogenannte Smart Meter, im Haushalten integriert sind und Strom- und Gasverbrauch zeitgenau übermitteln. In Deutschland sind diese jedoch noch nicht sehr verbreitet. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass Opower hierzulande noch nicht Fußgefasst hat, während in Großbritannien und Frankreich Kooperationen mit den Energieversorgern angelaufen sind.

Quellen:
FOCUS
opower.com
gigaom.com
gigaom.com
utilitydive.com
greentechmedia.com
forbes.com