„Es fehlt ein klares Bekenntnis zu Effizienzzielen und Klimaschutz“ – Interview zum Thema Bauen und Wohnen

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ist vor allem durch ihre aktive Rolle bei der Aufdeckung des Diesel-Skandals bekannt geworden. Aber auch im Bereich Bauen und Wohnen sieht die Umwelthilfe großen Handlungsbedarf. Wir haben mit der stellvertretenden Bundesgeschäftsführerin, Barbara Metz, gesprochen:

von Matthias Epkes
News

Datum: 26.07.2018 11:12

WELCHES THEMA TREIBT DIE DEUTSCHE UMWELTHILFE AKTUELL BESONDERS UM?

Metz: Wir möchten mit dem Vorurteil aufräumen, dass es die Energieeffizienzstandards sind, die zu steigenden Baukosten, steigenden Mieten und damit Gentrifizierung führen. Diejenigen, die daran glauben, werden eine böse Überraschung erleben wenn auch nach dem Einfrieren der Effizienzstandards die Kosten weiter steigen und nicht mehr bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Wir möchten wissen: Was sind wirklich die Kostentreiber beim Bauen und Sanieren?

EINES „IHRER“ THEMEN IST DAS KLIMAGERECHTE BAUEN UND SANIEREN SOWIE BEZAHLBARES WOHNEN. WO LIEGEN IHRER MEINER MEINUNG NACH DIE PROBLEME?

Metz: Spekulationen in der Immobilienbranche machen das Bauen und Wohnen teuer. Ebenso die Tatsache, dass die Grundstückspreise stark gestiegen sind und die Grunderwerbssteuer in Deutschland massiv zu Buche schlägt. Die Bundesregierung könnte hier Rahmenbedingungen schaffen die einen ausgewogenen Wettbewerb ermöglichen und verhindern, dass Baukosten und Mieten ins Unermessliche steigen. Niemand möchte Londoner Verhältnisse. Dort hat im Jahr 2017 eine renovierungsbedürftige 27qm Wohnung für 700.000 € den Besitzer gewechselt.

Leider werden häufig die Effizienzanforderungen zum Kostentreiber deklariert. Das ist falsch. Natürlich bringen die Klimaanforderungen an den Bau auch Kostensteigerungen mit sich, allerdings liegen diese im niedrigen Bereich. So betragen die Kostensteigerungen im Neubau durch energetische Anforderungen für den Neubau seit dem Jahr 2000 nur ca. 3%. Besonders die hohen Grundstückspreise und die hohen Erwerbsnebenkosten führen zu sehr hohen Preisen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass durch ein Einfrieren der Effizienzstandards im Bau mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden kann.

LEGEN SIE DABEI IHRE APPELLE MEHR AN DIE POLITIK ODER AN DIE INDUSTRIE?

Metz: Der Appell geht hier ganz klar an die Politik. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die für Ausgewogenheit sorgen. Es müssen Regelungen gelten die nicht durch die Hintertür umgangen werden können, wie zum Beispiel die Mietpreisbremse. Und es ist notwendig, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt, wie eine Qualitätssicherung am Bau sichergestellt werden kann. Was fehlt ist ein klares Bekenntnis und eine stringente Haltung der Bundesregierung zu den Effizienzzielen und damit zum Klimaschutz. Mit Worten alleine ist es nicht getan.

Wenn die Versprechen zur Einhaltung der Klimaziele ernst gemeint sind, kommt man nicht umhin, diesen auch konkrete Schritte folgen zu lassen. Das würde beispielsweise bedeuten Maßnahmen wie die steuerliche Absetzbarkeit Energetischer Modernisierung nicht zum vierten Mal in Folge scheitern zu lassen. Denn das sorgt für Verunsicherung und Zurückhaltung bei den Eigenheimbesitzern und dem Handwerk. Beide brauchen Planungssicherheit.

BESONDERS MENSCHEN MIT NIEDRIGEM EINKOMMEN LEIDEN UNTER STEIGENDEN ENERGIEPREISEN. MEHR SPAREN IST KAUM MÖGLICH, SANIERUNGEN MEIST UNBEZAHLBAR. WIE KANN DIESEN MENSCHEN GEHOLFEN WERDEN?

Metz: Deshalb ist es entscheidend, dass der Gebäudebestand saniert wird und Energie effizienter genutzt wird. Bisher ist es so, dass 11% der Gesamtinvestition für die energetische Sanierung vom Vermieter zeitlich unbegrenzt auf die Mieten umgelegt werden können. Damit sind energetischen Sanierung in der Praxis häufig weit von einer Warmmietenneutralität entfernt und die Mieterhöhung bleibt auch fortbestehen, wenn die Anfangsinvestition des Vermieters durch die Umlage längst wieder eingespielt ist. Das ist ganz offenkundig eine ungerechte Verteilung der Kosten. Deshalb fordert die Deutsche Umwelthilfe gemeinsam mit dem Deutschen Mieterbund die Modernisierungsumlage auf 4% zu reduzieren.

Innerhalb eines Zeitraums von acht Jahren darf die Miete zudem wegen energetischer Modernisierungen um nicht mehr als 1,50 Euro pro m² steigen. Gleichzeitig muss die Förderung aber so ausgerichtet werden, dass der Eigentümer immer noch einen Anreiz hat sein Gebäude zu sanieren. Aktuell muss die Förderung komplett von den umlagefähigen Kosten abgezogen werden. Das führt dazu, dass Förderung häufig gar nicht erst beantragt wird, denn man bekommt das Geld ja über die Modernisierungsumlage zurück. Da wird auch eine Reduktion auf 8%, wie von Frau Barley vorgeschlagen nicht helfen, denn sie greift zu kurz.

BEI DER DEUTSCHEN UMWELTHILFE DENKT MAN NICHT SOFORT AN SOZIALE THEMEN. UMWELTSCHUTZ UM JEDEN PREIS ODER UMWELTSCHUTZ FÜR ALLE?

Metz: Umwelt- und Klimaschutz kann nur in Einklang mit den sozialen Themen gelingen. Dabei ist ein Ausspielen von sozialen Themen gegen Umweltthemen destruktiv. Letztendlich werden Menschen mit niedrigen Einkommen darunter leiden, wenn heute nicht sichergestellt wird, dass energetisch ertüchtigter Wohnraum für alle zur Verfügung steht. Hier geht es nicht nur darum, dass die Energiekosten perspektivisch steigen, sondern auch um den Aspekt der Wohngesundheit. Selbstverständlich müssen die Investitionskosten gerechter verteilt werden. Es gilt, die Rate der energetischen Sanierung unter Berücksichtigung der Klimaschutzwirkung zu erhöhen und zum anderen die Sozialverträglichkeit der energetischen Sanierung zu verbessern. Das ist auch wichtig für die Akzeptanz der Energiewende im Gebäudebereich.

EINE ANDERE FRAGE WÄHREND DER ENERGIETAGE 2018 IN BERLIN LAUTETE: „KANN DAS GEG* KLIMASCHUTZ?“. WIR GEBEN DIE FRAGE GERNE AN SIE WEITER.

Metz: Das hängt davon ab, wie das GEG ausgestaltet wird. Dieses Gesetzesvorhaben ist eine riesige Chance mehr Klimaschutz im Gebäudebereich auf den Weg zu bringen. Wenn die Zielsetzungen allerdings unambitioniert sind, wird das Gegenteil der Fall sein. Die langen Investitionszyklen im Gebäudebereich machen es notwendig, dass bereits heute so gebaut wird, dass das Ziel bis 2050 einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen gewährleistet wird. Um diese Ziel zu erreichen brauchen wir im Neubau den kfw-standard 40. Dies muss also entsprechend im GEG Niederschlag finden.

 

* Gebäude-Energie-Gesetz

 

Vielen Dank für das Interview!