Lösen wir nach der Corona-Pandemie auch die Klimakrise

In der jetzigen Zeit rückt ein Thema plötzlich in den Hintergrund, dass uns in den vergangenen ein, zwei Jahren besonders beschäftigt hat: Die Klimakrise. Sie ist vielleicht nicht so akut wie die Corona-Krise. Dennoch sollte sie nicht aus den Augen verloren werden beziehungsweise wir sollten uns fragen: Können wir sogar aus der Corona-Krise im Hinblick auf das Klima lernen?

von Matthias Epkes
News

Datum: 30.03.2020 09:19

Derzeit ist es dringend geboten alle Mittel in die Bekämpfung der Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 zu stecken, damit unser Gesundheitssystem keinen Kollaps erleidet, wie es tragischerweise aktuell in Italien geschieht. #flattenthecurve ist hierbei das Motto. Die Infiziertenzahlen sollen nach Möglichkeit nicht exponentiell ansteigen, sondern sich über einen langen Zeitraum hinziehen, damit erkrankte Personen noch angemessen behandelt werden können. Die aktuelle Pandemie zeigt in einer drastischen und zeitlich verkürzten Blaupause, dass der Mensch sich nicht über die Natur erheben kann, sondern Teil von dieser ist. Aus Klimasicht scheint es vertretbar, sich aktuell um die Bekämpfung der Pandemie zu kümmern. Die Umwelt selbst scheint sich durch den weltweiten Shutdown ein Stück weit zu erholen.

Eins ist allerdings auch klar: Wir werden die aktuelle Krise überwinden und schrittweise den gewohnten Alltag wieder zurück in unser Leben lassen – wie auch immer dieser Weg zurück aussehen mag. Die verschiedenen Wirtschaftszweige werden sich berappeln, der Konsum zieht wieder an, viele Reisen werden getätigt. Und dann wird auch der Kampf gegen den Klimawandel wieder in den Fokus rücken. Es lohnt sich daher unseren aktuellen Umgang mit COVID-19 zu beobachten - um daraus zu lernen aber auch um zu sehen, ob wir die Kompetenzen haben, mit einer solchen Krise umzugehen.

Normalerweise hat der Mensch in seiner Geschichte gelernt, dass er alleine nicht weit kommt. Deshalb lernte er die Vorzüge lieben, die ihm eine Gemeinschaft bieten kann. In aktuellen Zeiten scheint es manchmal, als würde der ein oder andere auf diesen Gesellschaftsvorteil bereitwillig verzichten. Stattdessen wird gehamstert. Kein gutes Omen für die Klimakrise.

Aufstieg der Wissenschaftler in Corona-Zeiten?

Bei der Rolle der Wissenschaftler in Zeiten der Krise(n) unterscheidet sich die Pandemie deutlich von der Klimakrise. Drosten, Wieler, Kekulé, Addo – derzeit hängt Deutschland an den Lippen wichtiger Experten und Expertinnen zum Thema Virus. Deren Warnungen und Empfehlungen, die derzeitige Ausbreitung ernst zu nehmen, übernehmen die Menschen bereitwillig, weil in der Gesellschaft eine große Verunsicherung herrscht. Man könnte dies als Hoffnungsschimmer sehen, dass nun auch in anderen Bereichen die Menschen den Blick zur Wissenschaft richten. Doch was zählt die Meinung der Wissenschaftler in Zeiten der Klimakrise? Sicherlich, es gibt einige gute Beispiele wie die gesamte Scientists For Future-Bewegung, aber das allgemeine Befolgen und Umsetzen von Maßnahmen fehlt hier gänzlich. Man kann nur hoffen, dass man künftig auch Klimawissenschaftler ernst nimmt. Denn ihre Botschaften klingen meist nicht minder besorgniserregend.

Unsere neue Sensibilität für eine globale Krise

Auch die Gesellschaft selbst zeigt, wenn auch manchmal erst mit Nachdruck, zu was sie fähig ist. Sie wird in Zeiten der Krise ungewohnt kreativ. Sie zeigt sich solidarisch. Und was erstaunlich ist: Schon bevor die Politik reagiert, schränkt sie sich in ihrer Freiheit ein. Verschiedene Hashtags wie #staythefuckhome oder #wirbleibenzuhause gehen ebenso wie das Virus viral durch alle Altersgruppen und alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Es ist nur verwunderlich, dass wir ähnliches Verhalten in Zeiten der Klimakrise kaum zeigen. An Fleisch, Flugzeugreisen oder motorisierter Mobilität finden wir immer noch große Freude. Beide genannten Hashtags wären ebenfalls ein schöner Aufruf, den nächsten Urlaub nicht irgendwo auf dem Globus zu verbringen, sondern in der Region zu bleiben oder Orte zu bereisen, die zugtechnisch erreichbar wären. Stattdessen müssen derzeit über 200.000 Menschen, die es nicht selber schaffen konnten, durch die Regierung nach Hause geholt werden.

Allerdings muss an dieser Stelle betont werden, dass wir aufgrund der drastischen Maßnahmen der aktuell dramatischen Ereignisse einen kleinen Sinneswandel durchleben, der vielleicht diese Ausnahmesituation etwas überdauert. Man darf also hoffen, dass sich diese neue Sensibilität und Genügsamkeit im sonstigen Konsum und Verhalten auch nachhaltig gesellschaftlich breitmacht.

Krise nicht gleich Krise: Klimawandel wird uns weiterhin drohen

Und doch muss man Sorge haben, dass nach einem möglichen Ende der Pandemie die Menschen sich danach sehnen, was sie nun nicht können. Dass sie nach Zeiten häuslicher Quarantäne dann noch mehr als sonst einmal um die halbe Welt fliegen müssen, um der Isolation zu entkommen. Aktuell ist weltweit zu sehen, was alles in Zeiten einer Krise möglich ist, aber gleichzeitig kommt die Frage auf, ob die Gesellschaft bereit ist, nach einer solch extremen Erfahrung sofort die nächste Aufgabe gemeinsam anzugehen.

Die für viele abstrakte Gefahr des Klimawandels ist der Grund für Zweifel an einer gleichen Entschlossenheit im Umgang mit der Klimakrise, deren Folgen langfristiger und – besonders für uns in Deutschland – unnahbar erscheinen. Man kann also nur hoffen, dass die Zahlen der Infizierten in den kommenden Wochen durch die harten und notwendigen Maßnahmen deutlich gebremst werden und so viele Menschen erkennen, dass man gemeinsam eine ganze Menge erreichen kann. Dieses Erfolgserlebnis muss ein Startsignal sein für weitere Aufgaben.

Ein Ausblick ist schwierig. In der Bewertung der aktuellen Klimakrise sind wir derzeit in einer Phase, die man auch bei einer Epidemie erlebt. Es gibt noch zu viele beschwichtigende Aussagen, dass es wohl nicht so schlimm werde. Bei SARS-CoV-2 scheinen zum Glück fast alle der Meinung sein, dass man etwas tun müsste. Auch das Klima wird unser Leben dramatisch verändern, nur nicht in dieser Geschwindigkeit.