Gigafactory von Tesla: Kann sie Deutschland für E-Mobilität elektrisieren?

Tesla baut seine Gigafactory in Deutschland - in der Nähe von Berlin. Anders als beim Flughafen BER kann man davon ausgehen, dass hier in wenigen Jahren einige tausend Arbeitsplätze entstehen. Bemerkenswert ist allerdings überhaupt, dass Tesla-Chef Elon Musk Deutschland für seine Produktionsanlage ausgewählt hat. Denn man fragt sich: Kann Deutschland Elektro-Mobilität?

von Matthias Epkes
News

Datum: 20.11.2019 09:52

Deutschland und das E-Auto. Ob das jemals eine echte Liebesgeschichte werden kann? Klar ist zumindest, dass Fortbewegung mittels fossiler Energien irgendwann ihr Ende finden wird. Das Land wird also zu seinem Glück gezwungen werden müssen. Und dennoch hält man an fossiler Energie fest als wäre eine Welt ohne Diesel und Benzin nicht lebenswert. Nun platzt plötzlich mit Tesla ein gewichtiger Elektro-Akteur in die oktan-dominierte deutsche Welt und man fragt sich, ob Gesellschaft, Politik und Konzerne für mehr Strom im Fahrzeug bereit sind.

Deutsche Elektro-Fahrer immer noch wie Pioniere

Dass sich in den Adern der Deutschen eventuell Spuren von Sprit finden ließen, ist wohl kein Geheimnis. Wir lieben das Auto und würden wohl jede Strecke vierrädrig zurücklegen, wenn es möglich wäre. Zur Arbeit, zum Sport, zum Frisör. Wenn es möglich wäre, auch die Strecke zwischen Couch und Kühlschrank. Mittlerweile können Autos nicht groß genug sein. Gab es vor einigen Jahren noch dezente Wünsche nach 3-Liter-Boliden, wurden sie mit dem derzeitigen SUV-Hype quasi zermalmt.

Doch die Beziehung zwischen Herstellern und Käuferinnen und Käufern hat gelitten. Der Lack ist nicht ab, aber angekratzt. Der Diesel-Skandal hat gezeigt, dass Konzerne nicht das Interesse der Kunden, sondern stets nach eigenen gewinnmaximierenden Dingen streben. Die Schäden für Konzerne, Zulieferer, Autobesitzerinnen und Autobesitzer sind enorm,  der Verkehr und das Leben in den Städten quält sich durch die Straßen. Gerade für jüngere Menschen ist das Auto nicht mehr non plus ultra bei der Fortbewegung.

Doch  so richtig beliebt ist der Wechsel zu Elektrofahrzeugen dabei nicht. Erst ungefähr 100.000 Stromer sind bisher für deutsche Straßen zugelassen – von insgesamt 47 Millionen zugelassenen PKW.  Damit kommen einem die wenigen E-Fahrer immer noch wie Pioniere im Bleifrei-Biotop vor. Dass es noch nicht trendy ist, einen Stromer zu fahren, liegt zum einen an den bereits oft wiederholten Problemen: zu lange Ladezeiten, wenige Ladepunkte, Reichweite ist klein. Zum anderen finden sich in Medienberichten allzu oft Meldungen darüber, dass E-Fahrzeugen aufgrund ihrer Batterien mehr schaden als nützen würden, was allerdings an einigen Stellen klar widerlegt wird.

Politik will Elektrofahrzeuge fördern – Da kommt Tesla genau richtig

Bis 2020 wollte man eine Million E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen bringen. Zwar wäre noch ein Jahr Zeit, aber es lässt sich sehr sicher bilanzieren, dass das mal gründlich danebengegangen ist. Nun stellt man neue Ziele auf, die wahrscheinlich wieder gründlich danebengehen werden. Zehn Millionen sollen es bis 2030 werden, dazu gibt es noch eine riesige Aufstockung der öffentlichen Ladestellen sowie eine Anhebung der Prämien, falls man sich für ein E-Fahrzeug entscheidet. In zehn Jahren sollen also 9.900.000 Fahrzeuge dazu kommen und die Zahl der Ladestellen von 17.000 auf 300.000 ansteigen. Wer auf Nicht-Gelingen dieser Ziele wetten möchte, wird wohl mit wenig Gewinn rechnen können.

Interessant ist zudem, dass die Prämien, die man als Käufer eines E-Autos erhalten kann, für Autos bis zu einem Netto-Preis von 60.000 Euro ausgezahlt wird, was genau das Teslas Flaggschiff Model S ausschließt. Hat man hier versucht die heimische Industrie zu schützen?

Ansonsten kommt der Vorstoß von Tesla für die Politik gerade richtig. Gerade der Standort in Brandenburg, also im Osten Deutschlands, sehnt sich nach wirtschaftlichen Erfolgen – nicht zuletzt nach schwer verdaulichen Wahlniederlagen einiger Parteien. Positiven Nachrichten werden gerne genommen. Nun sollen dort bis zu 8.000 neue Arbeitsplätze entstehen, die wiederum zeigen, dass man nicht unbedingt alte Technologien und Industrien bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag schützen muss. Allein vier Milliarden Euro sollen in den Standort investiert werden. Man darf nicht nur idealistisch denken, sondern pragmatisch. Wenn eine neue Technologie Arbeit schafft und Perspektiven eröffnet, wird es weniger Probleme geben, gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Auf lange Sicht wird es normal sein, ein E-Auto zu besitzen.

Verschlafen deutsche Automobilkonzerne Antriebs- und Verkehrswende?

Für die deutschen Automobilkonzerne muss die Ankündigung Teslas wie eine Provokation und vielleicht auch wie eine Demütigung vorkommen. Da versinken die deutschen Konzerne in Abgasskandale,  müssen Milliarden-Beträge für Strafzahlungen berappen und verschlafen regelrecht den Wechsel zu neuen Antriebstechnologien und dann kommt aus den USA plötzlich dieser Saubermann-Musk mit seinen gehypten Teslas und elektrisiert mit seiner Ankündigung Politik und Gesellschaft. Die deutschen Konzerne haben es sich regelrecht gemütlich gemacht, was in diesem Kontext keinesfalls positiv gemeint ist. Die gesamte Branche mahnt für die kommenden Jahre und Jahrzehnte wegfallende Arbeitsplätze an, während der neue Konkurrent welche schafft.

Die heimischen Automobilkonzerne können sich trotz aller Querelen über Beliebtheit und Vertrauen der Deutschen nicht beschweren. Außerdem ist die Technologie noch nicht so weit, dass sich die breite Bevölkerung einen Wechsel zur E-Fahrerei nicht nur vorstellt, sondern auch wirklich umsetzt. Das Eis wird dennoch deutlich dünner. Es ist zwar kaum vorstellbar, dass die Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft irgendwann einbricht, doch man sollte nicht meinen, dass ein „Weiter so“ noch möglich ist. Denn die Mobilität verändert sich nicht nur in ihrer Antriebstechnik. Vor allem Menschen in urbanen Räumen definieren mobile Freiheit vor allem über die Stärkung der Alternativen zum Auto. Es ändert sich einiges. Mal sehen, ob dies auch für deutsche Automobilbranche gilt