Interview mit unserem Energieexperten: Online-Vergleichsportale und ihr Einfluss auf den Strommarkt

Die Liberalisierung des Strommarktes und die Digitalisierung vieler Alltagsbereiche haben im Energiesektor für einige Veränderungen gesorgt. Genau in dieser Schnittstelle befinden sich Online-Vergleichsportale, die sowohl Vor- als auch Nachteile für Verbraucher und Versorger mit sich bringen und gebracht haben. Wir sprechen mit Herrn Dr. Uwe Pöhls von unserem Energieverbraucherportal über den Markt, Tarifportale und deren Einfluss in Zeiten der Digitalisierung.

von Redaktion
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Datum: 11.06.2019 10:02

Herr Dr. Pöhls, wenn wir über Online-Vergleichsportale im Bereich Energie reden, sind sicher zwei Dinge wichtig zu nennen: Die Digitalisierung unseres Alltages und die Liberalisierung des Strommarktes. Sehen Sie das genauso?

Dr. Uwe Pöhls: Das Internet hat in den letzten 30 Jahren unsere Gesellschaft, man kann es gar nicht anders sagen, unser Leben revolutioniert. Von den bald 83 Millionen Bundesbürger nutzen 90,3% das Internet - über 96% der Bundesbürger zumindest indirekt. Und das im Durchschnitt 196 Minuten, das sind 3 Stunden und 16 Minuten am Tag! Vor 20 Jahren verfügten gerade einmal knapp 18% der Bevölkerung über einen Internetanschluss. Das beantwortet die Frage schon ein ganzes Stück weit. Ja, Plattformen und Portale sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Das gilt natürlich auch für Vergleichsportale im Energiebereich. Die ersten entstanden vor ca. 20 Jahren als Folge der Liberalisierung des Strommarktes.

Aus heutiger Sicht: Welchen Effekt hat die Strommarktliberalisierung mit sich gebracht? Sie wurde ja gerade den Verbrauchern zum Start als Gewinn verkauft.

Die Zahl der tatsächlichen Wechsel des Energieanbieters wurde 1998 bei der Strommarktliberalisierung maßlos überschätzt, ebenso wie die Einsparpotentiale. Der Preis für Strom ist seitdem, vor allem durch staatliche Abgaben und Kosten für die Energiewende, enorm gestiegen. Weit über der allgemeinen Teuerungsrate. Eine unglückliche, zu Lasten der privaten Verbraucher angelegte Energiepolitik, hohe Kosten für die Allgemeinheit durch etliche dramatische Insolvenzen von Energieanbietern einerseits und ein relativ geringes Vertrauen der Haushaltskunden gegenüber den in Teilen marktschreierischen Einsparversprechen auf der anderen Seite haben die geplante Liberalisierung bisher im Energiebereich gebremst. Wenn wir an die zentralen Akteure der Energiewende, vor allem die Stadtwerke, lokale und regionale Versorger, denken, ist das auch gut so. Nur mit treuen und nachhaltig denkenden Kunden ist das Projekt der Energiewende zu stemmen. Die Politik und die Industrie haben die Lasten vor allem den Bürgern, weniger den Verursachern aufgebürdet.

Liberalisierung und Digitalisierung haben zahlreiche neue Anbieter und zum Teil unseriöse Geschäftsmodelle auf den Markt geschwemmt. Der eigentlich positive Effekt der großen Auswahl führte eher zur Verunsicherung der Verbraucher durch intransparente Angebote und folgende Insolvenzen. Welchen Einfluss hat das auf das Verhalten der Verbraucher?

Angela Merkel hat vor fast genau 6 Jahren (sic!) auf einer Pressekonferenz bekannt: „Das Internet ist für uns alle Neuland“. Da hatte die „Revolution“ schon längst stattgefunden. Aber genau das ist bezeichnend. Fast schleichend hat das Internet viele andere Medien in der Bedeutung überholt, aber wir sind als Gesellschaft ganz überwiegend noch im analogen Zeitalter verhaftet.  Angesichts der Pleiten von sogenannten Stromdiscountern wie Teldafax, Flexstrom, Care Energy und zuletzt BEV, hat uns das aber eher vor noch größerem Schaden bewahrt. Insgesamt hat in 20 Jahren nur etwa jeder 4. Haushalt den Energieanbieter gewechselt, wenn wir Umzüge und normale Ab- und Zuwanderung in der Gesellschaft mal rausrechnen. Und nur knapp jeder achte Haushalt hat mehr als einmal den Energieanbieter gewechselt.

Derzeit sieht man eine deutliche Wende bei der Bindung der Energiekunden zu den lokalen und regionalen Anbietern. Es ist den meisten klar geworden, dass wir den Klimawandel nicht stoppen, die Energiewende nicht stemmen können, wenn wir unser Geld an Anbieter geben, die rein geldgetrieben und steuervermeidend Ihre Geschäfte aus der Schweiz, Lichtenstein, den holländischen Antillen und anderen „Steuerparadiesen" aus betreiben. Und zudem sehen die Leute auch lieber, dass die regionale Wertschöpfung in der Region bleibt. In den letzten 20 Jahren sind bislang nur Energiediscounter auf der Strecke geblieben, kein Stadtwerk. Das bleibt den Verbrauchern nicht verborgen.

In letzter Zeit gab es gerade durch die Insolvenzen einiger sogenannter Stromdiscounter vermehrt Kritik an den Vergleichsportalen. Fördern hier Geschäftsinteressen Intransparenz und Preisdumping?

Wettbewerbshüter sehen trotz unbestreitbarem Nutzen eine nur geringe Transparenz, wer überhaupt bei den Portalen gelistet ist und zu welchen Konditionen. Das Ranking sei zudem unklar und die Unterscheidung zwischen Werbung und Suchtreffer wird oft deutlich erschwert. Kein Wunder: Energieanbieter zahlen oft außerordentlich hohe Provisionen für Abschlüsse. Das rechnet sich natürlich nicht bei Kunden, die dann nach einem Jahr wechseln. Die versprochenen Einsparpotentiale entpuppen sich daher spätestens im zweiten Jahr als richtig teuer. Preiserhöhungen der sogenannten „Discounter“ fallen meist zweistellig aus, es wurden sogar schon Preiserhöhungen bekannt, die weit über 100 Prozent im zweiten Vertragsjahr lagen. Von Einsparpotential kann da dann auch nicht mehr die Rede sein, eher von Abzocke und Betrug. Experten rechnen für 2019 mit einer Pleitewelle bei den reinen Energiehändlern. Die Entwicklung der Energiepreise hatte lange Zeit die Discounter und Energiehändler, die auf sehr kurzfristige Beschaffungsstrategien gesetzt haben, begünstigt. Jetzt hat sich der Preistrend gedreht. Das werden die kapitalschwachen Anbieter nicht überstehen. Trotzdem hat die Politik bislang den Verbrauchern im Hinblick auf Abschlüsse über Wechselportale und keinen nennenswerten Schutz an die Seite gestellt. Es gibt erheblich mehr Auflagen bei der Eröffnung eines Kiosks oder einer Pommes-Bude. Dabei geht es bei Strom und Gas um Daseinsvorsorge und manifeste Verbraucherinteressen. Die Liberalisierung des Energiemarktes, so muss man bilanzieren, ist für den Verbraucher teuer geworden.

Trotz aller Verunsicherung und Vorsicht: Online-Vergleichsportale sind aus unserem Alltag kaum wegzudenken, schließlich wollen wir schnell über Angebote und die Marktlage informiert werden. Dementsprechend ist das Feld auch interessant für Werbe- und Provisionsgeschäfte. Liegt genau hier das Risiko?

Wer seinen Energiebieter wechseln will, geht natürlich erst einmal ins Internet und schaut entweder bei den bekannten Wechselportalen nach oder „googelt“. Das gilt für Autoversicherungen, Handy-Tarife, Hotels, Mietwagen, Flüge usw. auch. TNS Infratest behauptete schon vor 5 Jahren, dass fast 3 von 4 Bundesbürger das tun. Wie wichtig (und lukrativ für die Anbieter) die Wechsel- und Vergleichsportale geworden sind, lässt sich leicht an den Werbeeinnahmen ablesen, die hier zu erzielen sind. Von 2014 bis 2018 sind die Werbebudgets Online und im TV von ca. 500 Millionen auf mittlerweile über 1 Milliarde gestiegen. Nicht zuletzt deshalb und aufgrund der auf der Hand liegenden Synergien übernahm die ProSiebenSat.1 Gruppe einen 80%-Anteil an einem der beiden größten Vergleichsportale, der  Verivox AG, für geschätzte 200 Millionen. Der Deal hat sich gelohnt, mittlerweile sind die restlichen 20% auch übernommen worden.

Stadtwerke nehmen trotz der Liberalisierung nach wie vor eine bedeutende Rolle in unserer Energieversorgung ein, schließlich sichern sie die lückenlose Versorgung. Aber können sie es im Online-Markt mit den Geschäftsgebaren anderer Anbieter mithalten?

Stadtwerke bemängeln diesen Umstand schon seit Jahren. Die Vergleichsportale haben mit vermeintlichen Einsparpotentialen einen enormen Wettbewerbsdruck erzeugt, den lokale und regionale Versorger nur schwer etwas entgegensetzen konnten.  Fair war das nicht und viele Wechsler hatten letztendlich auch statt Einsparungen erhebliche Mehrkosten. Durch die Wechselportale ist aber auch der Wettbewerb der Stadtwerke und lokaler und regionaler Energieanbieter untereinander härter geworden. Mit überregionalen Tarifen haben einige, meist größere Anbieter, versucht, in andere Versorgungsgebiete einzudringen. Oft mit Preisen, die unterhalb der Energiepreise für die Kunden in den eigenen Grundversorgungsgebieten lagen und oft mit mäßigem Erfolg. Denn immer noch wollen die meisten Kunden einen Versorger in ihrer Nähe. Ein Onlineservice kann einen traditionellen Kundenservice mit einem ortsnahen Kundencenter nicht ersetzen. Auch wenn die Kunden diese Angebote nur selten nutzen, ist es ihnen dennoch wichtig, dass ein Kundencenter in der Nähe ist.

Wie könnte die Zukunft der Stadtwerke aussehen, um den Verbraucher online abzuholen? Und wie sollte aus Ihrer Sicht eine transparente Darstellung von Energieangeboten im Online-Vergleich aussehen?

Die Digitalisierung geht auch an den lokalen und regionalen Versorgern natürlich nicht spurlos vorbei. Neben dem stärkeren Wettbewerb geht es zunehmend darum, die deutlich gestiegenen Serviceerwartungen zu erfüllen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das reicht von innovativen Modellen für die Erneuerung von Heizungsanlagen, der Beratung, Planung, Errichtung und Wartung von Solaranlagen bis hin zu den Möglichkeiten von „Smart Home Installationen“. Und mit der Fahrt aufnehmenden E-Mobilität erwarten die Kunden auch in den ländlichen oder abgelegenen Versorgungsgebieten Angebote für öffentliche Ladesäulen, spezielle Tarife für Ladestrom zu Hause und vieles mehr. Das Internet und die fortschreitende Digitalisierung haben keinen Platz mehr für Energieanbieter, die ihre Kunden „Zähler“ oder „Verbrauchsstellen“ genannt haben.  Vergleichsportale können und sollten auch bei diesen Entwicklungen für die Haushaltskunden Orientierung bieten. Aber transparent und deutlich stärker kontrolliert im Sinne einer verbraucherfreundlichen Politik. Da gibt es noch viel zu tun.