Der EVP-Weihnachtsgrinch: Die bittere Realität hinter der süßen Schokolade

Die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ohne Schokoladenkugeln, Lebkuchen, Dominosteinen, heißer Trinkschokolade und Schokoladen-Nikoläusen nicht vorstellbar. Die Industrie verdient gut an der Lust aufs Naschen. In den Wochen vor Weihnachten macht sie einen Drittel ihres Jahresumsatzes. Doch der Kakao-Anbau ist nicht ohne Probleme. Neben den niedrigen Einkünften der Bauern und Erntehelfern hängen mit dem Kakaoanbau noch zwei weitere gravierende Probleme zusammen: Kinderarbeit und die Rodung von tropischen Regenwäldern

von Sven Ebbing
News

Datum: 20.12.2018 14:50

2017 hat ein Bericht der Umweltorganisation Mighty Earth die Öffentlichkeit aufgeschreckt, wonach in der Elfenbeinküste – mit rund 50 Prozent Anteil an der weltweiten Gesamtproduktion der größte Kakaoexporteur – ein Großteil der einstmals riesigen Regenwälder inzwischen abgeholzt ist, um Platz für Kakaoplantagen zu schaffen. Zwar gibt es in dem westafrikanischen Land einige wenige Naturschutzgebiete, aber Schutz für die Wälder bieten sie nur ihrem Namen nach. Auch hier fallen die Wälder nach und nach dem Flächenbedarf der Kakaobäume zum Opfer, der durch die immer stärker steigende Nachfrage nach Schokolade befeuert wird.

Maßnahmen der Industrie bewirken kaum etwas

Verantwortlich für die Rodungen sind laut Mighty Earth also insbesondere die europäische und US-amerikanische Schokoladenindustrie, die auf Kakao als Rohstoff für Schokoladenprodukte jeglicher Art angewiesen ist. Als Reaktion auf den Bericht der Umweltorganisation haben große Hersteller wie Mars, Ferrero oder Halba versprochen, stärker gegen die Waldrodung vorzugehen und unter anderem auch auf den nachhaltigeren Schattenanbau zu setzen, bei dem Kakaobäume unter bestehenden Bäumen angepflanzt werden. Auch strengere Richtlinien der Regierung wurden erlassen.

Bewirkt hat es bislang aber offenbar wenig: Zwar gesteht Mighty Earth der Regierung und den Konzernen ernsthafte Bemühungen zu, aber um die Waldrodungen effektiv zu stoppen, müsste es beispielsweise erst eine funktionierende Satellitenüberwachung geben. Zudem müssten die Konzerne ihre Lieferketten transparent gestalten, um die genaue Herkunft der Kakaobohnen nachvollziehbar zu machen. Bis es irgendwann soweit ist, verlieren die heimischen Elefanten, Schimpansen, Zwergnilpferde und Leoparden mit jedem gerodeten Baum ein weiteres Stück ihres Lebensraumes – im Nachbarland Ghana sieht es im Übrigen kaum besser aus. Und ohnehin haben sich Kakaounternehmer längst auch Ländern auf anderen Kontinenten wie Peru oder Indonesien zugewandt und machen hier ebenfalls jahrhundertealte Wälder dem Erdboden gleich.

Kinder als billige Erntehelfer

Ein Problem, was mindestens genauso betroffen macht wie die Zerstörung von Regenwäldern, ist die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen. Allein in der Elfenbeinküste sollen unglaubliche 1,3 Millionen Minderjährige beim Anbau und der schweißtreibenden Ernte der Kakaoschoten eingesetzt werden, das ist mehr als die Bevölkerung der Stadt Köln. Und die Tendenz steigt. Weil es sehr aufwändig ist, den Rohstoff für unsere Schokolade anzubauen, sind die Kinder gern gesehene, weil billige Helfer. Die Verletzungsrisiken für Minderjährige sind dabei allerdings enorm. Die Industrie versucht Kinderarbeit zwar offiziell zu bekämpfen, der Imageschaden durch Kinderarbeit ist schließlich groß.

Doch Kooperationen mit Organisationen wie GEPA, Fairtrade Utz, Rainforest Alliance, die die Anbaubedingungen unterschiedlich streng nach sozialen und ökologischen Kriterien zertifizieren, zeigen bisher nur wenig Wirkung in Ländern wie der Elfenbeinküste. Es wird zudem kritisiert, dass in angeblich fair gehandelter Schokolade – oder in Schoko-Keksen – auch Komponenten verarbeitet sind, die nicht fair produziert wurden. Bei Produkten beispielsweise mit dem Fairtrade-Siegel lohnt daher immer ein Blick auf das Kleingedruckte. 

Schokoladenkonsum: Weniger ist mehr

Die Stiftung Warentest hat vor 2 Jahren verschiedene Schokoladen-Siegel getestet, wobei sich ein differenziertes Bild ergab. Für Verbraucher macht es demnach Sinn, erstens überhaupt auf Zertifizierungen zu achten und zweitens die strengeren (und in der Regel auch teureren) Siegel wie GEPA, Naturland Fair oder Fairtrade zu bevorzugen. Drittens kann man natürlich gerade zu Weihnachten seinen Schokoladenkonsum grundsätzlich reduzieren, denn ausbleibende Einnahmen zwingen die Industrie am ehesten, endlich entschiedener gegen Kinderarbeit und die Zerstörung der Umwelt vorzugehen. Komplett auf Schokolade zu verzichten ist jedoch auch keine Lösung, schließlich kommt dann gar kein Geld mehr bei den schwächsten in der Lieferkette an: den Kakaobauern.

 

DER EVP-WEIHNACHTSGRINCH

Weihnachten steht vor der Tür und das bedeutet für viele nicht nur eine besinnliche Zeit, sondern auch eine besonders stressige. Denn es heißt wie jedes Jahr: Was nur soll ich schenken? In dieser Zeit des Jahres werden Rekordumsätze an den Kassen erzielt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet erstmals damit, dass die Schwelle von 100 Milliarden Euro überstiegen wird. Besonders der Handel über Online-Kanäle nimmt zu.

Schenken und vor allem Beschenkt-werden ist sicher eine schöne Sache und gehört zu Weihnachten dazu wie die Soße zum Festtagsbraten. Doch bei einigen Produktgruppen ist maßloser Konsum mit Folgen für Mensch und Umwelt verbunden. Daher spielen wir in diesen Wochen die Rolle des Grinch und machen in einigen Artikeln auf verschiedene Probleme aufmerksam. Nicht, um die Lust auf Weihnachten zu vermiesen, sondern zum Nachdenken anzuregen.