Energiearmut: „Ich finde, der Name Grundtarif führt in die Irre“

2008 erklärte die Bundesregierung 13,5 Prozent der deutschen Haushalte seien energiearm, danach herrscht Stille. 2017 will sie den Begriff „Energiearmut“ nicht mehr verwenden, verweist stattdessen auf allgemeine Armutsbekämpfung. Die Datenlage ist schlecht, Definitionen variieren und Ergebnisse beziehen sich nur auf einzelne Zeitpunkte. Der Politikwissenschaftler Christoph Strünck hat Energiearmut erforscht. Im Interview gibt er uns einen Einblick in seine Arbeit und das Problem, das Thema auf die politische Agenda zu bringen.

von Katharina Korczok
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Datum: 18.08.2017 16:24

EVP: Sie haben 2015 für die Hans Böckler Stiftung eine Studie zum Thema „Energiearmut als neues soziales Risiko“ herausgegeben. Wie kam es dazu?

Strünck: In mehreren Gesprächen mit Verbraucherschützern und der Verbraucherzentrale hat sich über die Zeit herausgestellt, dass das Thema immer wichtiger wird. Dabei geht es sowohl um Ausgaben für Energie als auch generell um Einnahmen von Haushalten. Wer nur gering verdient, ist von höheren Ausgaben automatisch stärker belastet. Jede Form von Inflation trifft Arme daher besonders stark. Gleichzeitig steigen unsere Energiepreise seit einigen Jahren. Da kam die Frage auf, inwiefern das zusammenhängt. Also treffen die steigenden Strompreise arme Haushalte besonders?

Sie berichten in Ihrer Studie von 91 Prozent energiearmen Haushalten unter Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld II-Beziehern. Auch Geringverdiener sind häufig betroffen. Wie kann es dazu kommen?

Das zeigt ein großes Problem. Denn generell sollen die Energiekosten eigentlich in den Sätzen erfasst sein. Die Zahlen zeigen aber, dass die Preissetzung den Bezügen davongaloppiert. Interessant sind auch die 9 Prozent, die nicht als energiearm gezählt werden. Hier lassen sich nur Annahmen machen. Entweder sind sie im Stande sehr stark zu sparen, oder verfügen über eine energieeffiziente Ausstattung. Generell spiegeln die Regelsätze die Kosten jedoch nicht wieder.

Geringverdiener schlittern gerade an unserem Sicherungssystem vorbei

Noch gravierender sind aber die Geringverdiener betroffen. Denn die schlittern gerade an unserem Sicherungssystem vorbei und bekommen also keine Bezüge und auch keine Beratungsangebote. Hier liegt nach Auskunft der Verbraucherzentrale auch die Gruppe, die am häufigsten in die Beratung kommt.

Sie sind Direktor des Instituts für Gerontologie. Inwiefern sind besonders alte Menschen von Energiearmut betroffen?

Es gibt hier bestimmte Gruppen, über die wir sprechen. Ältere Arme fallen natürlich unter das gleiche Phänomen wie jüngere, die einkommensschwach sind oder an der Armutsgrenze leben. Aber unsere Studie hat noch eine weitere Gruppe gefunden, die häufig von Energiearmut betroffen ist. Dabei handelt es sich um ältere, alleinstehende Frauen, die in größeren Häusern wohnen. Darunter muss man sich Frauen vorstellen, die noch die Häuser bewohnen, die sie früher mit ihrem Partner und ihrer Familie geteilt haben. Oft sind das eben große Häuser, die auch häufig schlecht gedämmt sind. Allgemein verfügen diese Frauen nicht über ein schlechtes Einkommen, aber haben sehr hohe Energiekosten, die das übrigbleibende verfügbare Einkommen sehr stark reduzieren. Leider konnten wir das Phänomen nicht repräsentativ belegen.

Wer sich morgens keinen Kaffee kochen kann oder abends früh das Licht ausschaltet, weil Geld für die Stromrechnung fehlt, leidet offensichtlich unter Energiearmut. Wie lassen sich die Zahlen der Zwangssparer beziffern?

Im Grunde können wir zwei Dinge unterscheiden. Die klassische Form der Energiearmut bedeutet, dass kein Zugang zu Energie vorhanden ist. Das trifft zum Beispiel auf viele Entwicklungsländer zu. Bei uns kommt es dazu, wenn zeitweilig der Strom gesperrt wird. Teilweise handelt es sich um verschuldete Haushalte, die generell unter finanziellen Problemen leiden. Im Kern ist eine Stromsperre also häufig ein Schuldenproblem.

Einkommensschwache Haushaltehaben meistens eine ungünstige Energiebilanz

Dann kommt noch der zweite Aspekt dazu, nämlich die Frage, ob Energiekosten bei einkommensschwächeren besonders hoch sind. Dabei haben wir herausgefunden, dass die Energiekosten pro Quadratmeter deutlich höher liegen. Dass kann daran liegen, dass einkommensschwache Haushalte in älteren Wohnungen leben, die meistens nicht saniert sind und eine ungünstige Energiebilanz haben. Gleichzeitig sind die Wohnungen natürlich deutlich kleiner. Anstatt von geringeren Energiepreisen würden diese Haushalte deutlich mehr von sanierten Wohnungen profitieren. Die Energieeffizienz ist damit ungerecht verteilt. Auch Fördermaßnahmen sind eher für die Mittelschicht gedacht.

Will man das ändern, muss man sich allerdings auch fragen, wie das anders finanziert werden könnte. Wohnungen sanieren und die Kosten auf die Miete umzulegen würde Arme wieder zusätzlich belasten.

Wo liegen die größten Stolpersteine für energiearme Haushalte?

Menschen die aufgrund ihres Einkommens in Schwierigkeiten geraten, rechtzeitig zu erreichen. Diese Leute kommen nicht automatisch zur Beratung und reagieren häufig erst sehr spät. Wir müssen die Menschen daher öffentlich besser erreichen. Dafür müssen wir mehr Sensibilität schaffen und signalisieren, dass sie, wenn sie Probleme haben, rechtzeitig zu einer Beratung gehen.

Das Problem ist, dass Energie sehr abstrakt ist. Strom kommt irgendwie aus der Steckdose, für mehr interessieren wir uns meist nicht, die Preise kennen wir nicht. Es geht also darum, ein bewussteres Verhältnis zu Energie als Konsumgut zu gewinnen.

Sie haben in Ihrer Studie konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert. Was ist hier geschehen?

Einige Parteien fordern zum Beispiel einen Sozialtarif. Der ist aber relativ umstritten, weil so keine Anreize fürs Energiesparen gesetzt würden. Aber die Zahlen zeigen, dass Leute mit wenig Geld nicht verschwenderisch mit Energie umgehen. Das Argument ist also eher theoretisch.

Das Problem ist immer noch das Gleiche. Verschuldete sind meist im Grundtarif, der meistens teurer ist. Ich finde, der Name Grundtarif führt in die Irre, weil sich viele Leute hier einen günstigen Basistarif drunter vorstellen. Grundsätzlich müsste man hier eine Regelung treffen, die es Verschuldeten leichter macht aus den teuren Grundtarifen zu wechseln. Dafür sind auch die Kartellbehörden sensibler geworden. Die können nicht direkt gestaltend mitwirken, aber schalten sich ein, weil der Ausschluss vom Wettbewerb nicht zu rechtfertigen ist. Ein Eintrag bei der Schufa oder ähnliches machen einen Wechsel aus dem Grundtarif fast unmöglich.

Bundesregierung hat das Thema nicht verfolgt

Gesetzlich ist eigentlich nichts passiert. Das Thema Energiearmut ist auf Regierungsebene kein großes Thema gewesen und auch die Bundesregierung hat es nicht wirklich verfolgt.  

Welche Rolle spielt die teure EEG-Umlage? Mittlerweile liegt sie bei 6,88 ct/kWh.

Klar ist, der Staat erzeugt Kosten. Die Energiepreissteigerung geht auch auf die Umlage zurück. Aber wichtig ist die soziale Verzerrung. Einige Experten machen Vorschläge, die Umlage mehr über Steuern zu finanzieren. Die sind einkommensbasiert und sozial gerechter Verteilt. Die Umlage über die Haushalte ist aber ein sehr trickreiches System. Steuerpolitische Diskussionen sind ein schwieriges Thema und werden so umgangen. Und solange Energiearmut nicht auf die politische Agenda rückt, wird niemand ernsthaft über eine Steuer nachdenken. Dazu kommt, dass auch die Verfechter der Energiewende nicht sozialpolitisch ausgeschlachtet werden wollen.

Christoph Strünck ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen forscht zu Sozial- und Verbraucherpolitik. 2013-2015 leitete er die Studie "Energiearmut als neues soziales Risiko?".

Das Interview führte Katharina Korczok

Die Studie finden Sie hier