Wirtschaft gegenüber Energiewende zunehmend skeptisch

Die Wirtschaftsverbände gehören zu den großen Skeptikern der Energiewende. Tatsächlich verschlechtert sich auch die Stimmung in der Wirtschaft. Vor allem die Industrie spürt die negativen Auswirkungen, die Baubranche hingegen profitiert von neuen Aufträgen.

von Bente Löhndorf
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Datum: 11.11.2015 14:06

Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit leidet unter der Energiewende. Laut dem dritten Energiewende-Barometer der IHK bewerten die Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende im Jahr 2014 mit -12,8. Im Vorjahr hatte der Wert bei -10,7 gelegen, sodass sich eine leichte Verschlechterung des Klimas feststellen lässt. 34 Prozent, etwa ein Drittel der Unternehmen, gibt an, negative oder sehr negative Auswirkungen von dem energetischen Systemwechsel zu spüren. 14 Prozent der befragten Unternehmen erfahren jedoch positive oder sehr positive Auswirkungen auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Mit 44 Prozent gab fast die Hälfte an, keine Veränderungen festzustellen.

Große Industriekonzerne leiden am stärksten


Das Energiewende-Barometer wurde im Juni 2014 zum dritten Mal erhoben. Insgesamt beteiligten sich knapp 2200 Unternehmen an der Umfrage. Die Skalenwerte reichen von +100 für positive Auswirkungen der Energiewende bis zu sehr negativen Bewertungen von -100. Insgesamt hängt die Stimmung stark von der Branche der Unternehmen ab. Während im Bau die Bewertungen mit durchschnittlich +2 am besten ausfallen, bewertet die Industrie die Auswirkungen der Energiewende mit -30 am stärksten negativ. Dienstleistungssektor und Handel liegen dazwischen. Im Vergleich zu den Vorjahren scheinen die Meinungen zwischen den Branchen allerdings immer stärker auseinander zu gehen. Dies lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass die Baubranche von der Errichtung neuer Erzeugungskapazitäten und der energetischen Sanierung von Gebäuden profitiert.

Gleichzeitig leiden kleine Unternehmen kaum unter negativen Auswirkungen (-1). Der Mittelstand (-19) wurde mittlerweile von den Großkonzernen überholt. Binnen zwei Jahren sank der Wert bei Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitern von -5 auf -22. Der Interpretation der IHK nach haben sich die erwarteten Chancen der Energiewende nicht oder nicht in erhofftem Ausmaß erfüllt.

Energiepreise und Versorgungssicherheit bereiten Sorgen


Neben den im internationalen Vergleich hohen Strompreisen, die Unternehmen zusehends an ihre Kunden weitergeben, bereitet scheinbar vor allem die Versorgungssicherheit der Wirtschaft Probleme. Etwa ein Fünftel der Unternehmen berichtet in den vorangegangenen 12 Monaten von Unterbrechungen in der Stromversorgung. Stromausfälle, die weniger als drei Minuten betragen, werden zwar in der öffentlichen Statistik nicht erfasst, bleiben jedoch von der Wirtschaft nicht unbemerkt und scheinen vermehrt aufzutreten.

Um den steigenden Energiepreisen etwas entgegenzusetzen, gewinnt die Steigerung der Energieeffizienz an Bedeutung. Rund 80 Prozent der Unternehmen sind mit der Planung oder Umsetzung von entsprechenden Maßnahmen beschäftigt. Allerdings wird das Einsparpotenzial von rund zwei Drittel der Unternehmen für die nächsten fünf Jahre auf nur etwa fünf Prozent geschätzt. Das entspräche keiner außerordentlichen Entwicklung ondern dem normalen Effizienzfortschritt.

Ökostrom auch in bei Unternehmen immer beliebter


Während die Bereitschaft zur eigenen Energieerzeugung von erneuerbarem Strom leicht zurückgeht, signalisieren grundsätzlich immer mehr Unternehmen die Bereitschaft und den Willen, Grünstrom zu beziehen. Fast jeder fünfte Betrieb ist zumindest teilweise bereits auf Energie aus erneuerbaren Quellen umgestiegen, genauso viele planen derzeit den Wechsel. Trotz der Klagen über hohe Strompreise ist ein Drittel der Unternehmen bereit, mehr für zertifizierten inländischen bzw. regionalen erneuerbaren Strom gegenüber Graustrom zu bezahlen. Vor allem Dienstleistungsunternehmen signalisierten hier Handlungsbereitschaft – Schlusslicht ist die Industrie, die aufgrund des erheblichen Energieverbrauchs dafür keine Kapazitäten hat.

Zwiegespaltene Stimmung


Das Energiewende-Barometer der IHK zeigt, dass insbesondere die anziehenden Energiepreise die deutsche Wirtschaft beschäftigen. Vor allem die Industrie und in abgemilderter Form der Handel erleiden nach eigenen Angaben negative Auswirkungen durch den politisch verordneten Systemwechsel. Dies leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass die Industrie häufig sehr energieintensiv produziert. Gleichzeitig profitiert sie aber auch am stärksten von den umstrittenen Ausnahmen von der EEG-Umlage, die eigens zur Entlastung der Wirtschaft eingeführt wurden.

Obwohl der Trend eine leichte Verschlechterung des Stimmungsklimas bezüglich der Energiewende verdeutlicht, geben 60 Prozent der befragten Unternehmen an, keine oder sogar positive Auswirkungen zu spüren. Insbesondere die Baubranche profitiert von der guten Auftragslage durch den Ausbau der Ökostromkapazitäten.

Quelle:
Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V. (2014): „Mehr Verlierer – weniger Gewinner. IHK-Energiewende-Barometer 2014. Fakten, Trends und Forderungen“