Ölpreis im freien Fall

Mit einem Wertverlust von 40 Prozent wird Öl plötzlich wieder erschwinglich und sorgt für einen weltweiten Konjunkturaufschwung. Gleichzeitig beginnen für die Exportländer schwierige Zeiten, vor allem Russland kämpft mit den Folgen des Preisverfalls.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 19.12.2014 15:13

Der Ölpreis befindet sich auf einer rasanten Talfahrt. Von über 100 Dollar je Barrel bis Mitte Juni diesen Jahres ist er mittlerweile bei 60 Dollar angekommen, ein Preisverfall von 40 Prozent binnen einen halben Jahres. Der Ölpreisrückgang bedeutete zunächst einen Wirtschaftsaufschwung, langsam zeigt sich jedoch bei den ölexportierenden Ländern das verheerende Ausmaß der niedrigen Preise. Allen voran Russland kämpft in diesen Tagen gegen den Beginn einer Wirtschaftskrise.

Mancherorts Wirtschaftsboom durch billigen Ölpreis


Ausgelöst durch den Fracking-Boom in den USA wirkt sich das wachsende Angebot auf dem Ölmarkt auf den Preis für die Ressource aus. Verstärkt wird dies dadurch, dass die zwölf Länder des Opec-Kartells sich Ende November nicht auf eine Verknappung der Fördermenge einigen konnten. Der geringe Preis wirkt wie ein Konjunkturprogramm für zahlreiche Branchen, die unmittelbar von günstigen Rohstoffpreisen profitieren. Billiger Brennstoff und eine kostengünstige Industrieproduktion führen automatisch zu mehr Konsum und Wachstum. Die deutsche Wirtschaft könnte nach Schätzungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung nur durch den niedrigen Ölpreis 2015 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von rund 0,4 Prozent verbuchen. Auch die deutschen Energiekonsumenten freuen sich. Innerhalb eines Monats sank der durchschnittliche Energiepreis im November um 1,1 Prozent und liegt somit auf einem Niveau, das zuletzt im Dezember 2011 erreicht wurde. Für Strom, Gas und Fernwärme gilt dies allerdings nicht, da die Preise hier in längerfristigen Verträgen festgelegt sind.

Die dunkle Seite des Preisverfalls


Doch nicht überall freut man sich über das günstige Öl. Die Länder, die das schwarze Gold gewinnbringend exportieren wollen, leiden zunehmend unter den sinkenden Einnahmen. Russland, die Golf-Staaten oder Norwegen haben in ihren Haushaltsplänen mit höheren Gewinnen kalkuliert, diese Planung geht nun nicht auf und beunruhigt Investoren. An den Börsen ist die Lage gut zu beobachten: Nicht nur die betroffenen Länder verzeichnen einen Kursrutsch, auch die wichtigsten Börseninidizes in den USA und Europa werden von der umhergehenden Sorge gedrückt. "Wir kommen jetzt an einen Punkt, an dem das Risiko von Staats- und Unternehmenspleiten steigt", sagte Christophe Donay, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Pictet.

Russland vor der Wirtschaftskrise


Insbesondere in Russland steigt die Angst vor einer Wirtschaftskrise in den letzten Tagen. Das Land ist in hohem Maße von Öl- und Gasexporten abhängig. Zusammen mit dem niedrigen Ölpreis sorgen die wirtschaftlichen Sanktionen aus der Ukraine-Krise für einen massiven Rubelverfall. Die russische Nationalbank rechnet für das neue Jahr bereits mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 4,5 Prozent. Staatspräsident Putin sieht sich zunehmend unter Handlungsdruck. Experten fürchten bereits, dass die Krise Russlands auf die Weltwirtschaft überschwappen könnte.

Für die Deutschen hat der Preisverfall abgesehen von günstigem Öl und Gas indes eher geringe Auswirkungen. Nur ein Teil der sinkenden Preise kommt überhaupt beim Verbraucher an, da der Euro-Wechselkurs zuletzt gefallen ist und die Effekte abdämpft. Ohnehin ist zu vermuten, dass der günstige Preis die Nachfrage nach dem Rohstoff so weit in die Höhe treiben wird, dass ein Anstieg des Ölpreises im ersten Halbjahr auf 70 bis 75 Dollar nicht unwahrscheinlich ist. Da die volkswirtschaftlichen Vorteile vermutlich nur von kurzer Dauer sein werden, hat der Absturz des Ölpreises vor allem einen Effekt: die Verschiebung von wirtschaftlicher und politischer Macht zugunsten des Westens.

Quellen:
Spiegel
Frankfurter Rundschau
Spiegel
Spiegel