Nachhaltige Wohnkonzepte: autarke Häuser der Zukunft

Das Zukunftsszenario ist bekannt und für den ein oder anderen sicherlich erschreckend: mit wachsender Bevölkerung ziehen immer mehr Menschen in die Metropolen, Hochhäuser sprießen wie Bäume aus der Erde, der Wohnraum wird knapper und die Suche nach neuen Wohnmöglichkeiten und Lebensräumen immer wichtiger. Wir nehmen die Energiezukunft im Wohnraum genauer unter die Lupe.

von Jule Krause
News

Datum: 07.08.2018 16:33

Vor allem zu Zeiten, in denen die Energiewende nicht mehr wegzudenken ist, entwickeln sich alternative Wohnkonzepte immer mehr zu realen Möglichkeiten anstatt unvorstellbarer Utopie. Im Mittelpunkt stehen dabei autarke Funktionsweisen, die eine dezentrale Selbstversorgung sicherstellen und dabei ein besonderes Augenmerk auf den Umweltschutz legen. Grund genug für uns einige interessante und zukunftsweisende Wohnideen vorzustellen.

Earthships: Ökohäuser mit Zukunftsperspektive

Als bahnbrechende Idee erscheinen sogenannte Earthships: Ökohäuser, entwickelt vom amerikanischen Architekten und Visionär Michael Reynolds, die autark funktionieren. Das Haus heizt sich dementsprechend selber, liefert sein eigenes Wasser, recycelt seine Abfälle und  produziert sogar eigene Nahrungsmittel. Ein externes Stromnetz, Wasserversorgung, Heizung und Klimaanlage werden überflüssig. Zusätzlich werden recycelte, natürliche Materialien wie beispielsweise Autoreifen, Erde und Lehm, als Baumaterial verwendet, um einem globalen Problem entgegenzuwirken: riesige Müllberge, die die Umwelt verschmutzen. 1971 baute Reynolds sein erstes energieautarkes Haus aus Abfall und wurde zunächst belächelt; mittlerweile gibt es bereits ca. 100 solcher Häuser in New Mexico, wo alles begann. Auch in anderen Ländern rund um den Globus ist das Konzept angekommen.

Unter dem so entstehenden Motto „Nachhaltiges Bauen, Lernen, Leben“ hat sich auch eine kleine Gruppe im Nordosten Baden-Württembergs die Idee zu Herzen genommen. In Zusammenarbeit mit Reynolds und seiner Firma Earthship Bioculture entstand 2014 das Projekt „Earthship Tempelhof“, der Bau eines Earthship-Prototyps, wissenschaftlich begleitet von Dipl. Ing. Architekt Ralf Müller im Rahmen seiner Masterarbeit am Lehrstuhl für Bauphysik an der Universität Stuttgart. Die Grundüberzeugung: gemeinschaftlich ökologisch leben, das Bewusstsein über nachhaltiges Bauen und Wohnen stärken und in diesem Sinne eine Inspirationsquelle für ähnliche zukunftsfähige Projekte sein. Das Ganze ist ein soziales Experiment: die Bewohner wohnen in Bauwagen, die sich zu einem gedachten Hauskomplex zusammenfügen und teilen einen großen Teil ihres Lebens in Gemeinschaftsräumen. Seit Frühjahr 2016 leben hier 28 Menschen jeden Alters gemeinschaftlich zusammen und experimentieren mit ihrer Umwelt und Lebensweise.

Wenn ein ganzes Dorf sich selbst versorgt: ReGen Villages

Einem ähnlichen Konzept folgt ein selbstversorgendes Dorf namens ReGen Villages, entwickelt vom US-amerikanischen Unternehmer James Ehrlich und dem dänischen Architektenbüro EFFEKT. Der erste derartig gestaltete Lebensraum soll bei Almere in den Niederlanden entstehen: 25 Wohnhäuser auf einer Fläche von rund 15.000 Quadratmetern sind hier als Pilotprojekt geplant. Im Kern steht auch bei diesem Projekt ein autarkes System, welches mehr Energieproduktion als -verbrauch verspricht. Gearbeitet wird mit erneuerbaren Energien, neuartigen Energiespeichern, vertikalen Gärten, sogenannten Aquaponics (eine platzsparende Kombination aus Fisch- und Pflanzenzucht), Wassermanagement- und Recyclingsystemen. Für die Lebensmittelversorgung gibt es saisonal bewirtschaftete Gärten und Gewächshäuser; Glashäuser um die Wohngebäude herum ermöglichen Lebensmittelanbau das ganze Jahr über. Zur Ernährung der Tiere dient Bioabfall. Solar- und Biogasanlagen sorgen für die Deckung des Energiebedarfs, auch an dezentralen Speichermöglichkeiten für den Strom soll es nicht mangeln. Die Wasserversorgung wird durch aufbereitetes Regenwasser sichergestellt. Bei der Gestaltung des gesamten Dorfes wird nichts dem Zufall überlassen, wie der Aufbau des Dorfes zeigt. Die Häuser sind im Kreis angeordnet, Gewächshäuser, Gärten und Aquaponics befinden sich im Zentrum, darum sind Gemeinschaftseinrichtungen, wie Spielplätze, Parks und Schwimmbäder, platziert. An die umweltfreundliche Mobilität der Dorfbewohner wurde ebenso gedacht: sie sollen nicht mit herkömmlichen Autos unterwegs sein, sondern sich mit Elektroautos fortbewegen, die mit selbst produziertem Ökostrom geladen werden.

„Ecocapsule“: die Wohnkapsel für Minimalisten

Mit etwas weniger Bauaufwand kommt die Wohnkapsel „Ecocapsule“ aus, die sich unabhängig von externen Energienetzwerken selbst versorgen kann. Die gerade einmal 4,48 mal 2,4 mal 2,48 Meter große Kapsel sieht mit ihrer runden Form, den weißen Hochglanzflächen, dem schwarz getünchten Fenster und der 8 Quadratmeter großen Solarzelle auf dem Dach nicht nur aus wie ein Raumschiff aus der Zukunft, auch die Funktionsweise scheint wie von einer anderen Welt. Den slowakischen Architekten vom Architektenbüro Nice&Wise, ist ein echter Geniestreich gelungen. Das wie ein Ei anmutende Häuschen besteht aus Küche, Bett und Bad mit Nasszelle und WC und produziert mit einer ein- und ausfahrbaren 750-Watt-Windturbine seinen eigenen Strom. Durch die Ei-Form und die spezielle Beschichtung wird die Aufbereitung des Regenwassers zu Trinkwasser garantiert, denn die Hausoberfläche aus einer Filtermembran reinigt das Wasser und leitet es zu einem Tank unter dem Boden weiter, der es speichert. Das Batteriesystem glänzt mit einer Stärke von 9799 Kilowattstunden, zusätzlich gibt es eine manuelle Wasserpumpe. Auch frieren muss man im Winter in der Ecocapsule nicht, da die gedämmten Wände für eine angenehme Raumtemperatur sorgen. Die Entwickler stellen momentan 50 Stück im Jahr her, Kostenpunkt ca. 80.000 Euro pro Kapsel. Mittlerweile arbeiten sie bereits an einer zweiten Version mit Rädern und Schleppsystem, um die Wohnkapsel mobil zu machen.

Mobile Autarkie: der Wohnwagon aus Österreich

Einen Schritt weiter ist die österreichische Firme „Wohnwagon“, die seit 2013 mobile Wohnhäuschen aus Holz anbietet. Lediglich das Fahrgestell ist aus Metall gefertigt. Die Wohnwagons gibt es in drei verschiedenen Größen, von einem kleinen Modell mit den Maßen 6 Meter mal 2,5 Meter bis zu einer großen Ausführung in der Größe 10 Meter mal 2,5 Meter. Interessant ist die individuelle Abstimmung des Grades der Autarkie: ein externer Netzanschluss ist möglich, allerdings kann auch eine autarke Wasserversorgung durch ein spezielles Sumpfpflanzendach, sowie eine autarke Stromversorgung durch ein autonomes Photovoltaiksystem bereitgestellt werden. Im Boden des Wagons sind Akkus installiert, die zu Stromspeicherung dienen. Zudem sorgt eine Holz-Solar-Zentralheizung für die Wärmeversorgung. Ein Kanalanschluss ist nicht unbedingt nötig, denn eine Bio-Toilette mit Kompostiermöglichkeit dient als umweltfreundliche Lösung. Das Unternehmen wirbt mit verschiedensten Einsatzmöglichkeiten des Wohnwagons: als Mini-Haus für eine kleine Familie, als ökologisches Ferienhaus im Grünen, sogar als Hotelzimmer und fahrendes Lokal soll der Wohnwagon eine umweltfreundliche, natürliche Alternative zu gewöhnlichen Unterkünften darstellen. Die verschiedenen Modelle kosten abhängig von ihrem Autarkiegrad und ihrer Größe 50.000 bis 130.000 Euro. Das Konzept kann bereits erste Erfolge aufweisen: beginnend mit dem ersten Kunden Ende 2014, wurden bis Sommer 2016 12 Wägen verkauft.

Förderung des Nachwuchses im internationalen Wettbewerb „Solar Decathlon“: 2017 gewinnt das „NeighbourHub“

Es soll mehr autarke Häuser in der Zukunft geben, dem ist sich das US-Ministerium für Energie sicher. Dementsprechend kürt es alle zwei Jahre die effizientesten und innovativsten autarken Häuserideen in seinem Wettbewerb „Solar Decathlon“. Der Wettbewerb für Studenten, der 2005 sein Debüt feierte, soll über die Vorteile grüner Energien informieren. Studentengruppen entwickeln solarbetriebene Gebäude, wobei die Integration grüner Technologien und besondere Designs im Vordergrund stehen. Die Teams können dabei in 10 Kategorien Punkte sammeln und müssen sich den Herausforderungen während einer anschließenden Ausstellungswoche stellen. Die Bewertung erfolgt durch eine Jury aus Architekten; dem Gewinnerteam winkt ein Preisgeld von 300.000 Euro. 2017 konnte sich das Schweizer Team, bestehend aus einer Kooperation von vier Schulen in der Schweiz, mit seinem innovativen Projekt „NeighborHub“ über den Sieg freuen. Das „NeighborHub“ ist kein Wohnhaus, sondern ein Nachbarschaftstreff, der nachhaltiges Verhalten und energieeffiziente Lösungen mobilisiert und mit interaktiven Events und seiner multifunktionalen Fläche die Jury überzeugen konnte.

So wird deutlich: energieautarke Häuser sind in ganz unterschiedlichen Formen längst in der Gegenwart angekommen und entpuppen sich als umweltfreundliche Alternativen zu herkömmlichen Lebensräumen. Überzeugte Bewohner und Besitzer von derartigen Wohnmöglichkeiten profitieren bereits von der Selbstversorgung durch ihre Unterkunft. Pilotprojekte zeigen, dass die Idee, ganze Wohngemeinschaften und Dörfer autark und nachhaltig zu organisieren, langsam an Zuspruch gewinnt. Ob sich derartige Konzepte langfristig durchsetzen können, wird die Zukunft zeigen.
 

SCHWERPUNKTTHEMA: Wohnen 2.0: Die Energie-Zukunft für Wohn- und Lebensraum

Neue Herausforderungen in der Wohnungsimmobilienwirtschaft und der Trend zur Digitalisierung lassen diese Frage aufkommen. Wir freuen uns auf einen spannenden Themenschwerpunkt, in welchem wir die Energie-Aspekte smarter Wohn- und Lebensraumkonzepte unter die Lupe nehmen. Wie sehen ganze Städte in der Zukunft aus und wie sind sie vernetzt? Wir stellen nachhaltige Siedlungen sowie interessante, autarke Gebäudekonzepte vor und werfen schließlich einen Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten von Smart Home und Energiesparen im Eigenheim – ganz nach dem Motto „der große Überblick und das kleine Detail“.

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