EnBW möchte insolventen Prokon-Konzern übernehmen

Ein Jahr nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens der Windenergie-Firma Prokon gibt der Energieversorger EnBW Pläne zur Übernahme bekannt. Da der Gläubigerausschuss von Prokon die EnBW als Kauffavoriten für den Fall einer Veräußerung auserkoren hat, stehen die Zeichen für eine Fusion gut – solange die Genussrechteinhaber zustimmen.

von Bente Löhndorf
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Datum: 11.11.2015 13:59

Mit der Übernahme des insolventen Prokon-Unternehmens könnte die EnBW einen großen Schritt im Bereich erneuerbare Energien machen. Der Energieriese steht unter Zugzwang sein Geschäftsmodell grundlegend zu ändern. Damit würde der Versorger seine selbstgesetzten Ausbauziele im Bereich erneuerbarer Energien schneller erreichen als gedacht. „Wir ziehen damit den Hochlauf unserer geplanten Investitionen deutlich nach vorne“, sagte Finanzvorstand Thomas Kusterer. Die Energie Baden-Württemberg AG plant bis 2020 rund 3,5 Milliarden Euro in den Geschäftsbereich erneuerbare Energien zu stecken und damit ein operatives Ergebnis von jährlich rund 700 Millionen Euro zu erwirtschaften, etwa drei Mal soviel wie derzeit.

Chance auf Neuanfang für beide Unternehmen


Der Versorger hatte sein Geschäft bisher stark auf Kernkraft gestützt und ist im Zuge der Energiewende gezwungen, sich strukturell neu auszurichten. Der Gewinn des drittgrößten deutschen Energieversorgers sank von Januar bis März um 2,3 auf 728 Millionen Euro; auch das operative Ergebnis im Bereich der erneuerbaren Energien sank im ersten Quartal um 17 Prozent. Das Unternehmen gab die niedrigen Strompreise bei Wasserkraft als dominierenden Grund für die Verluste an. Im Laufe diesen Jahres erwartet das Unternehmen jedoch durch den Ausbau der Windkraftanlagen einen Gewinnanstieg in der Sparte um 20 Prozent. EnBW betreibt an Land derzeit Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 200 Megawatt. Prokon besitzt Anlagen mit mehr als 500 Megawatt Leistung. Gemeinsam könne durch die Übernahme ein „neuer, äußerst wettbewerbsfähiger Anbieter im europäischen Windmarkt entstehen“, erklärte EnBW-Chef Frank Mastiaux.

Mastiaux spricht sich stark für das rund eine halbe Milliarden schwere Projekt aus. Mit einem Kauf werde die Windenergie-Firma auf eine gesunde Kapitalbasis gestellt: „Wir haben den strategischen Willen und die Kapitalkraft“, sagte der EnBW-Chef. Allerdings sieht der Plan nur eine Übernahme des Windgeschäfts vor. Die Randaktivitäten von Prokon im Bereich Holzverarbeitung und Biomasse würden von der Insolvenzverwaltung in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert werden.

Genussrechteinhaber haben es in der Hand


Nach dem Hamburger Solarparkbetreiber Capital Stage ist die EnBW bereits der zweite Interessent für Prokon. Der Gläubigerausschuss des insolventen Konzerns teilte mit, er bevorzuge den Karlsruher Versorger. Das letzte Wort haben allerdings die Prokon-Anleger in einer für Anfang Juli angesetzten Gläubigerversammlung, bei der darüber abgestimmt werden wird, ob Prokon in eine Genossenschaft mit vielen Anteilseignern umgewandelt oder gänzlich veräußert wird. In einer Testumfrage Ende 2014 hatte sich eine klare Mehrheit der teilnehmenden 51.000 der 75.000 Genussrechtsinhaber für die Genossenschaft ausgesprochen. Der Insolvenzverwalter müsste im Falle einer ähnlichen Entscheidung bei der verbindlichen Abstimmung prüfen, ob die Anleger die erforderliche Eigenkapitalquote erreichen könnten.

Unter der Leitung des Gründers Carsten Rodbertus ist Prokon seit 1995 hauptsächlich im Bereich Windenergie tätig. Etwa 75.000 Anleger investierten über sogenannte Genussrechte rund 1,4 Milliarden Euro in das Unternehmen, obwohl Verbraucherschützer vor dem Kauf der umstrittenen Genussrechte. Schlussendlich gab die Insolvenz im Januar 2014 den Kritikern Recht, dass das Geschäftsmodell nicht nachhaltig war. Die Genussrechtsinhaber gelten im laufenden Insolvenzverfahren als gleichberechtigte Gläubiger neben Lieferanten und Banken.

Quellen:
Focus
Handelsblatt
Wirtschaftswoche
ManagerMagazin