Reich der Mitte drängt an die Ökostrom-Spitze

Die Ökostrom-Lobby in Asien rüstet auf und drängt mit voller Power auf den Markt. Deutschland wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte seine Führungsposition im Bereich der erneuerbaren Energien abgeben müssen. China verzeichnet einen massiven Ausbau bei der Produktion von Ökostrom und wird wohl bald auf internationalem Parkett die Vorreiterrolle übernehmen.

von Bente Löhndorf
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Datum: 07.11.2014 11:30

Deutschland führt seit Jahren die internationalen Ökostrom-Statistiken an. Doch diese Spitzenreiterposition wird laut aktueller Prognosen von unerwarteter Seite streitig gemacht. Zwar stieg in den ersten sechs Monaten des Jahres 2014 der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Stromerzeugung mit 31 Prozent nochmal um rund sechs Prozent, dennoch liegt China nur noch knapp dahinter und wird in der zweiten Jahreshälfte wohl endgültig vorbeiziehen.

Rollenwechsel an der Spitze der Ökostrom-Charts


Zwei Australische Energieexperten verglichen in der angesprochenen Studie die Ausbaudynamik verschiedener Länder und stellten ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature vor. In keinem anderen Land wächst der Anteil von Strom aus Windenergie, Sonne und Wasserkraft derzeit so schnell wie im Reich der Mitte. „Andere Länder sollten China folgen und die Märkte für Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke stärken, um die Kosten der Erneuerbaren zu reduzieren", so das Fazit von John A. Mathews von der Macquarie University in Sydney und Hao Tan von der University of Newcastle in Callaghan. Sie sehen nicht mehr Deutschland sondern China als Vorbild für den Ökostrom-Ausbau. "Die Energiepolitik sollte sich auf die Förderung von Handel und Wettbewerb für klimafreundliche Technologien konzentrieren", betonen die australischen Wissenschaftler weiterhin mit Blick auf Einfuhrzölle auf chinesische Solarpanele in der EU und den USA.

Ökostrom-Ausbau der Superlative in China


Im vergangenen Jahr installierte China mehr Ökostromanlagen als fossile und nukleare Kraftwerksleistung zusammen. Der Trend hin zu mehr erneuerbaren Energien ist derweil schon länger zu beobachten. Seit 2009 hat sich die Windkraftkapazität auf knapp 80 Gigawatt verfünffacht, die installierte Leistung bei Photovoltaik ist zwischen 2010 und 2013 von 0,8 auf mehr als 18 Gigawatt angestiegen. Die Erfolgszahlen werden in dem von Ernst & Young kürzlich veröffentlichen "Renewable Energy Country Attractiveness Index“ (RECAI) bestätigt, der 40 Länder nach der Attraktivität ihrer Energieperspektiven listet. Demnach ist China nach gut einem Jahr wieder an die Spitze des Rankings zurückgekehrt, während Europa und die USA im Vergleich deutlich an Attraktivität verlieren. Sie kämpfen mit Finanzierungs-, Infrastruktur- und Lieferproblemen, stattdessen rücken Schwellen- und Entwicklungsländer wie Indien, Brasilien, Südafrika und Kenia immer stärker in den Fokus von Investoren.

China hat sich große Ziele gesetzt: Bis 2017 sollen 550 Gigwatt Leistung an erneuerbarer Energie installiert sein. Angesichts der bisherigen Entwicklung ist dies noch nicht einmal unrealistisch. In absoluten Zahlen steht das Land schon länger an der internationalen Spitze. Im vergangenen Jahr belief sich die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien auf 378 Gigawatt, die Vereinigten Staaten kamen mit 172 Gigawatt nicht einmal auf die Hälfte, die Bundesrepublik produzierte gerade mal 82 Gigawatt Ökostrom. Mit einer Einspeisevergütung nach deutschem Vorbild, einem starken Wettbewerb und der massiv sinkenden Produktionskosten für Solarmodule sind die Voraussetzungen für ein Anhalten des Grünstrom-Booms denkbar gut.

Schattenseiten des Wirtschaftserfolgs


Doch der massive Ausbau geschieht nicht unbedingt zum Wohle der Bürger und Umwelt. Chinas Wirtschaft boomt und setzt das Land unter Zugzwang. Mit dem Zulauf an immer neuen Produzenten wächst der Hunger nach Energie. Immer neue Anlagen werden gebaut, um die Wirtschaft und rund 1,3 Millionen Menschen mit Strom zu versorgen. Jährlich werden mehr als 5000 Terrawattstunden Strom in chinesischen Kraftwerken produziert, ein Großteil davon stammt aus Kohle- und Atomkraft. Der Preis für das stetige Wachstum ist eine erhebliche Luftverschmutzung, insbesondere in den Städten. In der Hauptstadt Peking liegen die Feinstaubwerte um das 14-fache höher als der empfohlene Grenzwert. China ist nicht nur in Sachen Ökostrom-Produktion bald spitze sondern führt seit Jahren mit 26 Prozent der weltweiten Treibhausgasproduktion die Liste der größten CO2-Emittenten an. Auch der Systemwechsel zu erneuerbaren Energien hat seine Schattenseiten. Anders als in Deutschland handelt es sich nicht um einen Umbau sondern einen Neuaufbau von Kraftwerksleistung. Dieser wird in der staatsdominierten Wirtschaft ohne Rücksicht auf die Bevölkerung durchgeführt. Auch den ökologischen Folgen von den riesigen Wasserkraftwerken wird in der chinesischen Energiepolitik wenig Beachtung geschenkt.

Quellen:
Der Spiegel
Solarserver.de
FAZ