20 Jahre Strommarktliberalisierung – aus heutiger Sicht

Genau 20 Jahre nach der Liberalisierung des Strommarkts möchten wir einen Blick darauf werfen, was sich seitdem getan hat. Wie hat sich der Strommarkt entwickelt und wo steht er heute? Unumstritten ist, dass die Liberalisierung die Energiewende vorangetrieben hat. Ob und in welchem Ausmaß das heute für die Verbraucher spürbar ist, werden wir im Folgenden klären.

von Helena Fischer
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Datum: 11.07.2018 17:41

Als im April 1998 das Gesetz zur Neureglung des Energiewirtschaftsrechts in Kraft trat, konnte man nur ahnen, welche weitreichenden Veränderungen im Energiemarkt dieser Eingriff mit sich bringen würde. Zwar traten in den Anfangsjahren noch über 80 Unternehmen in den neuen Wettbewerb – kurze Zeit später mussten die meisten aber aufgrund schwieriger Bedingungen im neuen Gesetz aufgeben. 2005 trat schließlich ein überarbeitetes Gesetz in Kraft, das die Stellung der Anbieter deutlich verbesserte. Konkreter wurde der Markt von da an unter die Aufsicht der Bundesnetzagentur gestellt. Seither ist der deutsche Energiemarkt einer der am stärksten liberalisierten in Europa.

Die Akteure

Mit der Liberalisierung kam auch eine notwendige neue Aufstellung der Akteure auf dem Energiemarkt. Unter dem sogenannten „Unbundling“ versteht man die Trennung der Marktakteure – also die Trennung von Stromerzeugung, -transport und -vertrieb.

Heute lässt sich demnach eine Reihe von Akteuren auf dem deutschen Energiemarkt finden. Zum einen die Stromproduzenten bzw. -erzeuger: In Deutschland zählen zu den „Big Four“ RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW. Stromerzeuger können heutzutage aber auch Privatpersonen sein, beispielsweise durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Ein weiterer Akteur sind die Stromversorger. Oftmals sind Produzenten und Versorger für ein und dasselbe zuständig, aber es gibt auch Stromversorger, die sich lediglich um die Beschaffung der nötigen Mengen und einen reibungslosen Ablauf kümmern. Letztes Bindeglied der Kette sind die Netzbetreiber, welche zuständig für die Infrastruktur – also Stromnetz, aber auch Stromzähler – sind.

Ein Akteur der oft übergangen wird, aber eine bedeutende Rolle spielt, ist der Staat. Als „regulierende Instanz“ gewährleistet die Bundesnetzagentur den freien Wettbewerb zwischen den Energie- und Stromanbietern. Des Weiteren ist diese Instanz zuständig für steuerliche Komponenten wie die Übertragungs- und Verteilnetzentgelte, die Konzessionsabgabe, die EEG-Umlage etc. Laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) machen diese Abgaben über die Hälfte der Stromkosten für Haushaltskunden aus.

Zahlen, Daten, Fakten

Nun zu den Zahlen: Wie ist der deutsche Strommarkt heute aufgestellt? Ein erfreulicher Trend lässt sich hierzulande bezüglich der erneuerbaren Energien feststellen: 33 % des Stroms wurde 2017 aus dieser Energiequelle gewonnen. Im Vergleich zu 1999, als der Anteil nur bei mickrigen 4 % lag, hat sich also einiges getan. 37 % des Stroms wurden im vergangenen Jahr noch aus Braun- und Steinkohle gewonnen, wobei der Anteil sich von 1999 mit 57 % deutlich verringert hat. Immer noch Thema in der Energieproduktion ist Kernenergie: Noch  12 % des Stroms wurden 2017 in Atomkraftwerken produziert. Dennoch geht auch hier der Trend in eine in eine andere Richtung.

Um die Energieversorgung kümmerten sich im vergangenen Jahr knapp 2.400 Betriebe (mit jeweils mindestens 20 Mitarbeitern), ungefähr 1 % weniger als im Vorjahr. Trotzdem beträgt der Umsatz der Elektrizitätsversorgung in Deutschland alleine stolze 411 Millionen Euro. Wer glaubt, in der Verbrauchsgruppe der Haushalte wurde 2016 am meisten Strom verbraucht, liegt falsch – die Industrie steht mit 47 % Nettostromverbrauch auf Platz 1. Gefolgt von Handel, Gewerbe und Dienstleistung mit zusammen 26 %. An dritter Stelle finden sich erst die Haushalte mit knapp 24 %. Verkehr liegt beim Stromverbrauch nur bei unauffälligen 2 %.

In Sachen Versorgungssicherheit liegt Deutschland nach wie vor vorne. Der SAIDI-Index, der die mittlere Stromausfalldauer misst, ist zwischen 2006 und 2014 um 57 % gesunken.

Nicht so positive Nachrichten gibt es bei den Strompreisen: Ein durchschnittlicher Haushalt zahlt gegenüber zum Vorjahr 0,77 Cent mehr. Dabei machen über die Hälfte des Preises Abgaben und Steuern aus. Nur 30 % der Kosten entfallen auf die Energieerzeugung und den Vertrieb. Allein die EEG-Umlage, die zur Energiewende beitragen soll, ist 2014 nochmals um 18 % gestiegen und soll bis 2020 kontinuierlich weiter ansteigen.

Wie verhalten sich die deutschen Verbraucher?

Streng genommen lässt sich noch ein weiterer Akteur finden, der auf dem Energiemarkt beteiligt ist: der Verbraucher. Betrachtet man einerseits das Angebot, darf auch ein Blick auf die Nachfrage nicht fehlen. Zunächst lässt sich festalten, dass die Dynamik, welche die Liberalisierung mit sich gebracht hat, (immer noch) Anklang bei den Verbrauchern findet. Fast die Hälfte der Deutschen hat laut einer Bevölkerungsbefragung 2016 innerhalb der letzten drei Jahre den Stromanbieter gewechselt. Sogar 70 % derjenigen, die erst kürzlich den Anbieter gewechselt haben, denken erneut über einen Wechsel nach. Wichtigster Grund für den Wechsel bleibt ein günstigerer Preis – bedauerlicher Weise. Ein Hoffnungsschimmer bringt die jüngere Generation: Für die 18 bis 29-Jährigen ist immer häufiger der Wunsch nach Ökostrom ein Wechselgrund. Vermehrt kommt aber auch das Thema Eigenproduktion auf. 65 % der Deutschen produzieren bereits selber Strom oder können sich vorstellen, dies zu tun.

Das Informieren über neue Tarife und gegebenenfalls auch das Wechseln geschieht bei rund drei Viertel der Deutschen über Vergleichsportale im Internet, wie beispielsweise das Energieverbraucherportal.

Es zeigt sich also offenbar, dass auch noch nach 20 Jahren die Dynamik auf dem Markt keinesfalls abgeklungen ist. Immer mehr Anbieter bieten Energietarife an und immer mehr Verbraucher möchten die wachsende Auswahl an Angeboten nutzen.

Der Zusammenhang von Strommarktliberalisierung und Energiewende

Aus ökonomischer Sicht ist es einleuchtend: Je offener der Markt, desto vielfältiger sind meist die Produkte. Es spricht einiges dafür, dass die Strommarktliberalisierung die Energiewende vorangetrieben hat. Den Akteuren stand fortan mehr Handlungsspielraum zur Verfügung und die Möglichkeit frei mit erneuerbaren Energien handeln zu können, war gegeben. Der letztendliche Umbruch, der zusätzlich auch politisch initiiert war – die „Energiewendephase“ – dominiert seit circa 2011.

Exakte Informationen über den Status der Energiewende in Deutschland bietet hier der sogenannte Energiewende-Index. Er beleuchtet unter anderem, wie die Kosten verteilt werden und wie hoch diese sind. Betrachtet man nämlich, welche Auswirkungen die Energiewende auf die Verbraucher hat, rückt der Preis unweigerlich in den Fokus und die Debatte darüber, wer eigentlich die Kosten trägt.

Allgemein bekannt ist wohl, dass die Energiewende nicht gerade preiswert ist. Allein durch die infrastrukturelle Umstellung fallen unumgängliche Ausgaben an – Stichwort EEG-Umlage. Verbraucher spüren das größtenteils hinsichtlich des Strompreises. Jährlich steigt der Strompreis durchschnittlich um 2 %. Beispielhaft wird ein deutscher Durchschnittshausalt 2025 mit 335€ mehr belastet als heute. Doch ist die EEG-Umlage überhaupt der Kostentreiber schlechthin? Die Antwort lautet nein: Mehr Faktoren tragen dazu bei, dass der Strompreis steigt.

Zum einen gibt es schlichtweg Preiserhöhungen im Großhandel, die dazu beisteuern, dass man als Verbraucher mehr zahlt als noch vor einigen Jahren. Nicht abzustreiten ist dennoch auf der anderen Seite, dass auch die Energiewende Kosten mit sich bringt. Steigende Ausgaben für Netzausbau, Netzeingriffe und Systemdienstleistungen, die durch die Abschaltung konventioneller Kraftwerke erforderlich werden. Hinzu kommen der weitere Ausbau und die Förderung der erneuerbaren Energien, inklusive der EEG-Umlage. Außerdem wird die Umlage bis mindestens 2020 weiterhin erhöht werden – von heute 22 Mrd. € auf rund 26 Mrd. € pro Jahr.

Bei all den beklemmenden Nachrichten sollte man dennoch das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Denn immerhin geht es um unsere grüne Zukunft und die Kosten werden nicht stetig so bleiben. Schwierig zu beurteilen ist, ob es auch ohne eine Liberalisierung eine Energiewende gegeben hätte. Vermutlich ja, nur später und langsamer – aber mit ähnlichen Kosten. Zusätzlich gibt es auch Ansätze, wie die Kosten geringer gehalten werden können: Lockerungen in den EEG-Förderbedingungen, der Ausbau an günstigeren Standorten wie zum Beispiel mehr Photovoltaik auf Ackerflächen oder eine Vereinfachung der Planungs- und Genehmigungsverfahren beim Netzausbau. Die Spielräume sind also da.

Fazit – Was hat die Liberalisierung gebracht?

Letztendlich lässt sich festhalten, dass die Liberalisierung nur Gutes gebracht hat. Auch wenn viel an der Kostenverteilung der Energiewende kritisiert wird: Sie nicht zu vollziehen wäre definitiv die schlechtere Option. Im Allgemeinen hat der Verbraucher durch die Liberalisierung an Handlungsspielraum gewonnen und die Dynamik unseres Strommarktes zahlt sich aus – auch noch 20 Jahre später.