Überschätzte Industriestrompreise

Im internationalen Vergleich der Strompreise liegt Deutschland immer wieder auf den obersten Plätzen. Ein Umstand, der laut Industrieverbänden und Politikern den Wirtschaftsstandtort Deutschland und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bedrohe. Eine neue Studie erklärt diese Ängste für unbegründet, da die tatsächlichen Durchschnittspreise für die Industrie häufig überschätzt werden. News

von Bente Löhndorf
News

Datum: 07.11.2014 11:26

Als Untergang der Industrie und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wird die Energiewende gerne dargestellt. Diese Behauptung will der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) mit seiner neuen Kurzstudie entkräften. In den regelmäßig erhobenen Vergleichsstudien weist Eurostat Deutschland für das erste Halbjahr 2013 einen durchschnittlichen Strompreis für Großverbraucher von 14,5 Cent je Kilowattstunde zu, nur Zypern und Dänemark liegen im europäischen Vergleich höher. Der BEE zeigt in seiner Studie jedoch, dass der Anteil der Steuern und Abgaben wesentlich größer ist als in den meisten Ländern. Wenn Strom- und Mehrwertsteuern herausgerechnet werden, liege Deutschland mit 10,6 Cent je Kilowattstunde nur noch knapp über dem EU-Durchschnitt; die reinen Erzeugungs- und Transportkosten liegen vor allem aufgrund des hohen Ökostromanteils mit 6,4 Cent sogar darunter. Die Differenz werde bei Durchschnittspreisen aufgrund der vernachlässigten Ausnahmeregelungen systematisch überschätzt.

Niedriges Preisniveau dank Industrieausnahmen


Studienleiter Swantje Küchler und Rupert Wronsk fassen die Ergebnisse wie folgt zusammen: „Die deutsche Industrie profitiert von der Energiewende aufgrund von weitreichenden Vergünstigungen bei den Strompreisen.“ Das betreffe insbesondere die EEG-Umlage, die KWK-Umlage, die Netzentgelte und die Stromsteuer. Industriebetriebe würden im Vergleich zu Privathaushalten nur einen Bruchteil der Steuern und Abgaben zahlen. Vor allem die umstrittene Befreiung von der EEG-Umlage schlägt sich in diesen Ergebnissen nieder. Dies bestätigt die Notwendigkeit der umkämpften Industrierabatte, für die Energieminister Sigmar Gabriel in den vergangenen Monaten mit der Europäischen Union und Verbraucherschützern gekämpft hat. Auch wenn sie für den Ausbau der erneuerbaren Energien wichtig sind, treiben die Abgaben den deutschen Strompreis massiv nach oben.

Standortvorteil Deutschland trotz oder wegen Energiewende


Als Interessenvertreter der Ökostrombranche entschärft der BEE in seiner Studie diese Tatsache. Die Stromkosten könne nicht der ausschlaggebende Standortfaktor sein, da viele Betriebe ihre Produktion im Land belassen und die Bundesrepublik noch immer Exportweltmeister sei. Die Nähe zu Konsumenten, die hohe Zahl qualifizierter Fachkräfte, politische Stabilität und eine herausragende Versorgungsqualität der Strom- und Gasnetze ermögliche es Produzenten trotz höherer Stromkosten ihre Waren ohne Absatzeinbußen herzustellen. Zudem schlügen sich hohe Stromkosten positiv in den Bemühungen um Energieeffizienz nieder, die häufig technische Neuerungen hervorbrächten.

So steht am Ende der Studie das Fazit, dass die Strompreise für die Industrie ohne Steuern und Abgaben in Europa zu den niedrigsten zählen. In Folge des Ausbaus der erneuerbaren Energien sei der Börsenpreis zuletzt kontinuierlich gesunken. Dies führt dazu, dass die Energiewende eine Entlastung der stromintensiven Großverbraucher darstellt. Allerdings ist dies auf die umfänglichen Ausnahmeregelungen und Steuerbefreiungen der Industrie zurückzuführen.

Quellen:
Bundesverband Erneuerbare Energie e.V.
Neue Energie