Bienenstrom – die Energiewende brummt und summt

Das wichtigste Nutztier ist nicht etwa die Kuh oder das Schwein, sondern die Biene. Als einer der Hauptbestäuber von Blühpflanzen sorgt sie mit ihrer Arbeit dafür, dass wir mit nährstoff- und vitaminreichen Lebensmitteln versorgt werden. Doch der Bienenpopulation geht es derzeit schlecht - richtig schlecht. Die Stadtwerke Nürtingen bieten zur Rettung einen besonderen Tarif an.

von Matthias Epkes
News

Datum: 20.05.2018 11:17

Warum muss den Bienen geholfen werden?

Erst im vergangenen Jahr hat der Krefelder Entomologische Verein die Biomasse fliegender Insekten der letzten 27 Jahre kontrolliert und einen Rückgang von 75% festgestellt. 75% klingt nicht weit entfernt von 100, was – etwas überspitzt formuliert – den kompletten Verlust unserer Insektenvielfalt bedeuten würde. Damit eingeschlossen sind natürlich auch Bienen und Co.

Auch deshalb gab es im vergangenen Jahr viele Diskussionen um Verbote verschiedener Herbizide (Unkrautvernichter), wie zum Beispiel Glyphosat, auf das mittlerweile 181 Städte und Gemeinden verzichten. Ebenfalls im Verdacht besonders schädlich auf die Bienenwelt einzuwirken sind Neonicotinoide. Im Gegensatz zu Glyphosat sind Neonicotinoide Insektizide, die den Befall von Nutzpflanzen durch Schädlinge verhindern sollen. Mittlerweile weiß man, dass auch Bienen darunter leiden können. Erst im vergangenen Februar hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (efsa) in einem Gutachten die schädliche Wirkung von Clothianidin, Imidacloprid sowie Thiamethoxam festgestellt und damit Zulassungsbeschränkungen für eben diese Neonicotinoide möglich gemacht.

Doch nicht nur der Einsatz von giftigen Cocktails aus verschiedenen Chemie-Präparaten ist gefährlich für die Insektenwelt. Die Vielfalt unserer Landschaften macht den Bienen Probleme, unterschiedliche Nahrungsquellen sowie geeignete Orte für ihre Nester zu finden. Neben der Landwirtschaft mit ihren großflächigen Monokulturen, sind auch die Gärten vieler Deutscher für Bienen und Co eher unattraktiv geworden, da sie überwiegend aus Rasen und einfachen Hecken bestehen oder gleich hauptsächlich Stein und Beton verwendet werden (Tipps für den eigenen Garten). 

Stromkunde als Bienenretter

Doch es gibt Projekte, die Abhilfe schaffen können. Dass dabei auch die Energiebranche eine Rolle im Kampf gegen das akute Bienen- und Insektensterben spielen kann, ist zunächst nicht sehr naheliegend. Wie man es machen kann, zeigen die Stadtwerke Nürtingen, die seit kurzem den Tarif „Bienenstrom“ anbieten. Die kleinen Honigproduzenten werden hierfür weder genutzt noch „verheizt“. Sie haben mit der Stromgewinnung direkt gar nichts zu tun – stattdessen sind sie die Profiteure. Denn für jede verbrauchte Kilowattstunde Strom wird ein Cent als Blühhilfe-Beitrag in ein Projekt investiert, bei dem Blühflächen geschaffen werden, auf denen statt Mais Wildpflanzen angebaut werden sollen. Landwirte, die am Projekt beteiligt sind, bekommen als Entschädigung für höhere Anbaukosten und Ertragsminderungen einen finanziellen Ausgleich. Der Clou an der Sache: Die Wildpflanzen können im Anschluss ihrer „Lebenszeit“ zu Biogas weiterverarbeitet werden. Dass der Methan-Ertrag gegenüber dem Biomasse-Primus Mais etwas geringer ist, nimmt man aufgrund der Vorteile gerne in Kauf.

Natürlich liegt der Tarif preislich minimal über dem eines Grundversorgers und etwas mehr über denen einiger Billigstromanbieter, allerdings geht es den Kunden, die diesen Tarif wählen, weniger um den günstigsten Strom als um eine nachhaltige Energieversorgung. Und wenn man mal ehrlich ist, sehen Wildblumenbeete einfach richtig schön aus.