Zum Weltvegetariertag: Eine Retrospektive mit Appell

Man traut es sich kaum auszusprechen, aber wir haben heute den Weltvegetariertag. Während die einen nun triumphieren, weil man Veganer und Vegetarier daran erkenne, dass sie sich immer outen, bleiben wir inhaltlich und schauen auf ein Ereignis aus 2013.

von Matthias Epkes
News

Datum: 01.10.2018 16:14

Wisst ihr noch? Bundestagswahlkampf 2013? Wer trat da noch mal gegen wen an? Klar, Merkel für die CDU, aber für die SPD? Da wird es bereits schwieriger. Peer Steinbrück hieß damals der Kandidat, der für viele mehr schlecht als recht den Gegenkandidat abgab. Ansonsten bleibt nicht viel vom Wahlkampf über. Themen wie Mindestlohn, Steuern und Rente sind keine Themen, wo der Deutsche emotional durch die Decke geht. Und sonst? Der Sommer war wettermäßig ein schöner. Die Frauen-Nationalmannschaft feierte den EM-Erfolg in Schweden und das britische Königshaus erlebte mit der Geburt von Prinz George ein Highlight. So weit, so gut...

Veggie-Day - Die Apokalypse war nah

...aber halt! Da gab es doch noch etwas. Eine Geschichte, für die es damals die journalistische Feinheit der größten Boulevardzeitung bedurfte, um angemessen in Angriff genommen zu werden. “Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!” titelte die Bild mitten ins Sommerloch hinein, und stopfte zugleich selbiges mit dem von den Grünen vorgeschlagenen VeggieDay. Perfekt also, um am Weltvegetariertag das 5jährige Jubiläum einer denkwürdigen Diskussion der jüngeren Geschichte zu feiern.

Deutschland hatte also ein Thema. Und was für eins. Doch was wollten die Grünen eigentlich wirklich? Es sollte ein fleischfreier Tag in öffentlichen Kantinen, “zum Ausprobieren, wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ernähren”, so die damalige Fraktionschefin Renate Künast. Die Bild nannte es die “grüne Umerziehung”, die CDU betitelte die Grünen fortan als Verbotspartei und die FDP sah sogar die komplette Freiheit gefährdet. Sogar der Begriff der Öko-Diktaturen musste fallen. Es dauerte nicht lange, dass Menschen panisch durch die Straßen liefen. Fürchteten sie doch, dass Fleisch demnächst seltener zu finden sei als Wasser in der Wüstenwelt von Mad Max. Der Rest rannte in Gotteshäuser, um in diesen schwierigen Zeiten Hilfe des Herrn zu erhalten. Etwas übertrieben? Zumindest der Eindruck einer neuen apokalyptischen  Zeitrechnung konnte entstehen.

Warum die Diskussion zum VeggieDay Quatsch war

Zurück in 2018. Das Thema VeggieDay wird nur noch von denen in den Ring geworfen, die politisch lieber isoliert leben wollen. Aber warum? Versuchen wir mit etwas Abstand die Singe nochmal sachlich durchzugehen. Damals wie heute isst der Deutsche 60 kg Fleisch im Jahr. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt als Jahreskonsum 23kg (im Schnitt 450gr/Woche). Selbst mit einigem Wohlwollen kann schwer mit “Knapp drüber!” geurteilt werden. Interessanterweise ist die Bereitschaft auf Fleisch zu verzichten genauso hoch, wie der Wunsch, dass sich artgerechte Haltung der Nutztiere durchsetzen möge.

Außerdem ging es in der Diskussion nur um öffentliche Kantinen. Laut der aktuellen Verzehrstudie des BMEL gehen 19% der Erwerbstätigen (!) in Kantinen essen. Da die meisten nur eine Mittagsmahlzeit einnehmen, geht es in der Tat um einen kleinen Anteil der Bevölkerung, der nur eine Mahlzeit von durchschnittlichen 21 in der Woche fleischfrei essen soll. Statt Fleisch z.B. so “schlimme” Gerichte wie Spaghetti in einer Käse-Sahne-Soße. Und wer die Bedeutung von gut gemachten Hummus verkennt, hat sowieso andere Probleme. Wer glaubt, mit dieser Form eines VeggieDays sei die eigene Freiheit gefährdet, besteht zugleich auf ein Grundrecht auf Kantinenessen.

Hausaufgabe für alle: Esst Gemüse!

Wir halten fest: Umwelt, Klima, Tiere und Gesundheit profitieren von der Idee, einen Tag fleischfrei zu leben. Das wäre - um in der Jugendsprache von 2013 zu bleiben - geilo meilo! Da aber leider von Parteienseite kaum noch eine Forderung in diese Richtung kommen wird, gibt es einen persönlichen Appell: Gerade im Herbst gibt es viele tolle Gemüsesorten, die nun  Saison haben und nur darauf warten gegessen zu werden. Also: Kocht es weg!