Vier Jahre nach Fukushima: Wo steht Deutschlands Energiewende?

Das Reaktorunglück in Fukushima hat die Energiewende nicht erfunden, doch es hat Deutschland Tatendrang und Überzeugung verliehen. Vier Jahre später sind wir viele Schritte weiter, doch noch lange nicht am Ziel. Das Energieverbraucherportal nimmt sich Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen.

von Bente Löhndorf
News

Datum: 17.04.2015 17:10

Vor vier Jahren verursachte ein Erdbeben einen Reaktorunfall in dem ältesten und bis dato leistungsstärksten Atomkraftwerk Japans. Die Ereignisse und Unfallserie vom 11. bis 16. März hielt nicht nur die Betreiber des Kraftwerks in Atem, über die Medien verfolgte die ganze Welt die Kernschmelze in drei Reaktorblöcken und den Kampf gegen den Austritt großer Mengen radioaktiven Materials. Die Illusion von der beherrschbaren Kernenergie war zerstört. Überall entbrannten Debatten über die Zukunft der Technologie, doch nur in Deutschland folgten umfangreiche Taten. Seitdem werden hierzulande laufend Pläne geschmiedet, wie der Atomausstieg kostengünstig und umweltverträglich zu schaffen ist. Vier Jahre lang arbeiten nun schon Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit- und gegeneinander an dem Generationenprojekt Energiewende.

Nachdem die Bundesregierung 2010 eine Laufzeitverlängerung für Deutsche Kernkraftwerke beschlossen hatte, stellte das Atommoratorium im März 2011 als Folge auf die Ereignisse in Fukushima den Anfang des bekannten Ausstiegs aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg dar. Der Slogan der 70er „Atomkraft? Nein Danke“ erhielt nach langer Ruhepause wieder viel Zuspruch und schließlich stellte auch die Diplom-Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel fest, dass Atomenergie in Deutschland keine Zukunft haben würde. Von heute auf morgen wurden acht Meiler vom Netz genommen, bis 2022 sollen alle weiteren neun Reaktoren folgen. Daraus erwächst für die gesamte Energiewirtschaft eine riesige Herausforderung, den Wegfall eines großen Pfeilers der Stromproduktion zu kompensieren. Vorzugsweise durch den Ausbau erneuerbarer Energieformen - neben dem Atomausstieg treten schließlich auch Umwelt- und Klimaschutz immer stärker in den gesellschaftlichen und politischen Vordergrund.

Ökostromausbau auf dem Vormarsch


Ziel ist es, bis 2050 die Treibhausgasemissionen um 85 bis 90 Prozent zum Vergleichsjahr 1990 zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien bis dahin auf 80 Prozent zu steigern. Insbesondere beim Ökostrom-Ausbau wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht: mit rund 28 Prozent lieferten erneuerbare Energien im letzten Jahr zum ersten Mal den größten Anteil am Strommix. Wirtschafts- und Staatssekretär Rainer Baake erklärt im Interview mit der Deutschen Welle: „Strom aus neuen Windkraftanlagen und neuen, großen Photovoltaikanlagen kann in Deutschland zu denselben Kosten produziert werden wie aus neuen Steinkohle- oder Gaskraftwerken. Die Frage, ob die Energiewende gelingt, hängt nun nicht mehr an der Verfügbarkeit von Technologien und auch nicht an den Kosten.“

Systemumstellung mit vielen Herausforderungen


Die großen Herausforderungen der nächsten Jahre betreffen vielmehr die Netze und das Versorgungssystem, denn mit den erneuerbaren Energien wird die Energieproduktion stärker gestreut. Stromerzeugung und –verbrauch werden geographisch vermehrt auseinander gehen. Im vergangenen Jahr haben die vier Übertragungsnetzbetreiber einen Netzentwicklungsplan vorgestellt, um beispielsweise Windstrom von der Küste in die südlichen Bundesländer zu transportieren. Das geht jedoch nicht ganz ohne Gegenwind. Bürger laufen Sturm gegen die geplanten Stromtrassen und erhalten Unterstützung von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der mit allen Mitteln einen Bau der benötigten Stromleitungen verhindern will. Ein weiteres Problemthema lautet Stromspeicher: Sie sind erforderlich, um flexibel auf Produktions- und Nachfrageschwankungen reagieren zu können und künftig überschüssige Energie für ökostromarme Perioden speichern. Abgesehen von einem jüngst beschlossenen Seekabel zu Norwegens Pumpspeicherkraftwerken sieht es mit Speicherkapazitäten bisher eher dürftig aus.

Zweifel an Machbarkeit des eingeschlagenen Wegs aus dem In- und Ausland


Rainer Baake lobte im Interview nicht nur den Fortschritt beim Ausbau erneuerbarer Energien sondern auch den parteiübergreifenden Konsens, der die Energiezukunft in Richtung Ökostrom vorantreibe. Auch die deutsche Bevölkerung steht laut aktuellen Umfragen zu 81 Prozent zum Atomaussteig, immerhin 53 Prozent befürworten auch die Subventionierung von Ökostrom trotz des enormen Preisanstiegs für Energie in den letzten Jahren.

Au dem Wirtschaftssektor hört man da andere Töne. Siemens-Chef Peter Löscher erklärt im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Wir sind auf dem falschen Weg.“ Innerhalb von zehn Jahren habe sich der Strompreis verdoppelt, dies sei vor allem auf die Verdreifachung der Steuern und Abgaben zurückzuführen, die heute 53 Prozent des Strompreises ausmachen. Zweifelsohne sind die Bedingungen für die Industrie durch die Energiewende in Deutschland nicht leichter geworden, doch die Bundesregierung versucht die Unternehmen mit allen Mitteln zu entlasten. Die weitgehende Befreiung von der EEG-Umlage, die als Förderinstrument der erneuerbaren Energien von allen Verbrauchern getragen wird stellt nach wie vor eine große Erleichterung für einen Großteil des produzierenden Gewerbes dar.

Auch im Ausland gilt der hohe Energiepreis als K.o.-Kriterium, wenn die Machbarkeit der deutschen Energiewende hinterfragt wird. Neben der Sorge um Versorgungssicherheit gehen Experten laut Umfrage des Weltenergierats davon aus, dass die Energiewende die deutsche Wirtschaftskraft kurz- und mittelfristig schwächen wird. So lässt sich derzeit ein Paradoxon beobachten: Während wir mit Unverständnis auf das Festhalten unserer Nachbarn an Atomenergie blicken, wird Deutschland für seine überstürzte Energiewende kritisiert, die nicht nur fragwürdige Subventionierungspraktiken sondern mit der Kohleverstromung auch eine Brückentechnologien fördert, die beim Thema Klimaschutz kontraproduktiv zu den Zielen der Energiewende ist. Das lange Festhalten an der Kohlekraft ließ zugleich die großen Energieversorger die Energiewende verschlafen – der Anschluss scheint nur mit einem großen Kraftakt möglich.

Kann Deutschland als Vorbild fungieren?


Trotz aller Kirtik zollt man den Deutschen im Ausland Respekt für die Konsequenz und die ehrgeizigen Ziele. So schreibt etwa der Guardian: „Die deutsche Energiewende als Herkulesaufgabe zu beschreiben, verweist auf ihre potenzielle Heldenhaftigkeit – mit Dringlichkeit voranzutreiben, wovon der Rest der Welt meist nur redet, dass es dringend sei.“ Genau so möchte Deutschland sich selbst sehen: Als Pionier und Vorreiter bei der Energiethematik. Das Land befindet sich mit seinem durch Fukushima ausgelösten Hauruck-Aktionismus auf dem richtigen Weg dorthin. Doch langsam erkennen die Lenker des Landes, dass die Energiewende mehr bedeutet als die Umstellung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien. Manchmal scheinen die Schritte nicht richtig durchdacht, wenn der Atomausstieg die Klimaziele durch die Brückentechnologie Kohlekraft gefährdet, der Netzausbau nicht mit dem Wachstum erneuerbarer Energien schritthält oder die Nachfrage und das Stromangebot aufgrund fehlender Speicherkapazitäten nicht zusammengebracht werden können. Doch zweifelsohne bewegt sich etwas in Deutschland. Wenn der Schwung richtig genutzt wird, könnte am Ende tatsächlich ein Modell mit Vorbildcharakter für andere stehen.

Quellen:
Umweltbundesamt
energiezukunft.eu
WAZ
huffingtonpost
dw-.de
Deutschlandfunk
Finanznachrichten.de